Verachtung und Verehrung

1. März 2007, 14:42
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Die "Kontrapunkte" bringen Werke von Komponisten, die Wagner "beschäftigte"

"Niegelungen" oder "Parzi-Falle": Der Wagner-Verehrer Wilhelm Tappert (1830-1907) hat die Verunglimpfungen seines Idols einst zusammengetragen - Richard Wagner im Spiegel der Kritik erschien in zwei Auflagen 1876 und 1903, um es den "Feinden und Spöttern" um die Ohren zu schlagen. Wagner hat polarisiert, und die Osterfestspiele lassen denn auch bei den "Kontrapunkten" Komponisten für und gegen den Meister Position beziehen.

"Ich habe mich eingehend mit den Werken Wagners beschäftigt; ihr Studium hat mir den höchsten Genuss bereitet und die Werke, die ich auf der Bühne sah, haben auf mich einen so nachhaltigen Eindruck gemacht, dass keine Theorie der Welt sie mich vergessen oder verleugnen lassen wird. Infolgedessen schimpfte man mich zu Hause einen Wagnerianer. Das war ein Fehler, ein Irrtum meinerseits", schreibt Komponist Camille Saint- Saëns: "Ich habe Wagnerianer kennen gelernt und eingesehen, dass ich nicht zu ihnen gehöre, nie zu ihnen gehören werde. Für einen Wagnerianer gab es vor Wagner überhaupt keine Musik, oder sie steckte mindestens noch in den Kinderschuhen. Wagner hat sie erst auf die Höhe der Kunst erhoben. Bach, Beethoven und zum Teil Weber haben die Ankunft des Messias vorbereitet; das ist ihr einziges Verdienst . . ." So weit Saint-Saëns.

Meinte er etwa auch Komponist Emmanuel Chabrier (1841-1894), der von Tristan und Isolde schwärmte? "In diesem Werk steckt genug Musik für ein ganzes Jahrhundert; der Mann hat uns nichts mehr zu tun übrig gelassen!" Bei den "Kontrapunkten" erklingen Chabriers Souvenirs de Munich, eine Quadrille über Themen aus Tristan.

Und Hindemith? "Ouvertüre zum fliegenden Holländer, wie sie eine schlechte Kurkapelle früh um 7 am Brunnen spielt", beschrieb er "seine" Holländer-Ouvertüre, die im Konzert "Wagnerische Werke" von einem Berliner Philharmonischen Streichquartett gespielt wird. Im "Kontrapunkte"-Konzert "Gegen Wagner" ist noch Hindemiths Musikalisches Blumengärtlein und Leyptziger Allerley für Klarinette und Kontrabass zu hören.

Zwischendurch ein Fan: "Die ernste und enthusiastische Bewunderung, welche ich Deinem Genie gewidmet habe, könnte sich keinen schläfrigen Gewohnheiten und unfruchtbaren Gefühlen anbequemen. Alles, was mir also zu tun möglich sein wird, sei es im Interesse Deines Rufes und Deines Ruhmes, sei es im Interesse Deiner Person, ich werde es bei keiner Gelegenheit zu tun versäumen. Du kannst Dir dessen vollkommen sicher sein", schreibt Franz Liszt 1850 an den steckbrieflich gesuchten Wagner kurz vor der Uraufführung des Lohengrin.

Mancher versuchte es auch ausgewogener: "Seine Anhänger, meistens persönliche Schüler, sagen über den 'Walküren-Ritt', es sei eine Musik von Blut und Eisen, die Händel und Gluck, Mozart und Beethoven weit hinter sich lasse. Seine Gegner behaupten, er habe die Trompeten von Jericho wieder entdeckt, und es sei nur zu beklagen, dass er nicht etwas früher in Wien eingetroffen sei. Dann hätte der Magistrat viel Geld sparen könne, denn die Basteien wären gewiss von selber zusammengestürzt", schildert der Dichter Friedrich Hebbel 1863 die zeitgenössischen Positionen zur Walküre in Wien. Er selber wage nicht "zu entscheiden, ob die Musik mehr die Seele ergreift oder das Rückenmark erschüttert". Er erlaubt sich aber, im Walkürenritt eine "vortreffliche Ouvertüre zum Wiener Carneval" zu sehen. Tja, wieder nach Frankreich:

"Ich fühle mich nicht versucht, das nachzuahmen, was ich an Wagner bewundere. Ich habe eine andere Vorstellung von der dramatischen Form: Die Musik beginnt da, wo das Wort unfähig ist, auszudrücken. Musik wird für das Unaussprechliche geschrieben; ich möchte sie wirken lassen, als ob sie aus dem Schatten herausträte und von Zeit zu Zeit wieder dahin zurückkehrte; ich möchte sie immer diskret auftreten lassen", so Debussy zwiespältig. Seine Petite Suite steht auch auf dem "Kontrapunkte"-Programm - wie auch etwas vom italienischen Komponisten und Dirigenten Vittorio Monti (1868-1922). Es ist sein einziges bekanntes Werk, ein Csárdás, frei nach Wagner, den freilich zu Zeiten die Spatzen von den Dächern pfiffen. (Heidemarie Klabacher /SPEZIAL/ DER STANDARD, Printausgabe, 01.03.2007)

4., 5. und 8. April, im Mozarteum: 19.00; 8. April: 15.00
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    In zwei Wagner-Rollen - Paul Hindemith. - C. Debussy (re.) wollte Wagner nicht imitieren.

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