Gewichtige Einwände

5. April 2007, 16:34
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Ein neuer Tisch, ein alter Schrank, ein fettes Klavier: Achtung, denn manches Möbelstück ist zu schwer für die Decken in Wohnungen - Von Ursula Xell-Skreiner

Eine neue Einrichtung muss her! Doch Achtung bei der Erfüllung des begehrten Wunsches: Nicht jeden Schrank und jeden Glastisch kann man bedenkenlos aufstellen, ohne eine massive Beschädigung des Hauses zu riskieren.

Die Önorm B 4000 vom 1. Jänner 2006 sowie der Eurocode geben Auskunft über höchst zulässige Flächenbelastungen im Wohnbau - und diese sind oft erstaunlich niedrig. Anders ausgedrückt: Möbel sind erstaunlich schwer. Ein fescher Designer-Glastisch, ein alter Konzertflügel oder ein voll gefüllter Aktenschrank bringen im Nu einige hundert Kilogramm auf die Waage. Verschärft wird das gewichtige Problem durch die so genannte Punktlast, wenn der Schrank auf ein paar dünnen Füßen oder der Tisch auf schlanken Säulen steht.

Die ahnungslose Käuferin eines solchen Glastisches staunte nicht schlecht, als ihr das Aufstellen ihrer stolzen Errungenschaft vom Vermieter verboten wurde, da sich durch die Punktlast in einem Wiener Altbau eine vom Laien unerwartete Belastung von 500 Kilogramm auf einen Viertelquadratmeter ergab. Grund: Einsturzgefahr des Parkettbodens. Ist der Tisch erst einmal in den freien Fall geraten, dann droht sogar der Einsturz des gesamten Hauses. Achtung: Die Folgen davon zahlt keine Versicherung!

Nach dem Eurocode darf man bei Wohnflächen von einer höchst zulässigen Maximalbelastung von 200 kg/m² ausgehen, bei Büroflächen von 300, bei Geschäftsflächen von 500. Viele Büros in der Stadt werden jedoch in Räumen betrieben, die ursprünglich als Wohnungen gedacht waren. Größte Vorsicht ist daher bei großen Safes, prall gefüllten Aktenschränken und sonstigen Möbelstücken geboten, die aus schweren Materialien hergestellt sind.

Sollte etwas schief gehen und ein Gebäude ernsten Schaden nehmen, orientiert sich die Judikatur bei der Verschuldensfrage nach dem "Menschenverstand". Wird ein schweres Möbelstück angeliefert, bei dessen Aufstellung sich sofort der Parkettboden senkt oder eine bisher funktionierende Türe zu schleifen beginnt, darf man den Kopf nicht in den Sand stecken. Einziger Rat in solchen Situationen: Möbelstücke an den Rand und nicht in die Mitte eines Raumes stellen und einen Statiker mit der Überprüfung beauftragen, ob das Gebäude die bestehende Last gefahrlos trägt. Andernfalls kann es ein böses Erwachen geben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2007)

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    Dieses Piano, auf dem John Lennon einst "Imagine" komponierte, dürfte in keiner Wohnung gewichtmäßig ein Problem darstellen. Bei einem Konzertflügel sieht's aber schon anders aus.

  • Ursula Xell-Skreiner, Rechtsanwältin.
    foto: standard/fischer

    Ursula Xell-Skreiner, Rechtsanwältin.

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