Cyborgs im Anflug

6. März 2007, 17:00
1 Posting

Die Odyssee im Weltraum hat begonnen – Die Mode ist in den kommenden Saisonen ganz auf Zukunft eingestellt - Wir müssen deswegen aber nicht zu Androiden mutieren

Die Zukunft ist jetzt. Unter all den abgestandenen Behauptungen der Mode nimmt diese vollmundige Ansage eine Spitzenstellung ein. Die Zukunft ist nämlich nicht erst seit heute hochaktuell. Genau genommen begann sie – nach einem ersten Aufflackern durch die Futuristen – vor rund vierzig Jahren, als US-Präsident Kennedy ankündigte, Menschen auf den Mond zu schicken und André Courrèges schnurstracks weiße Stiefel ohne Stöckel designte. Sie erreichte einen Höhepunkt, als Neil Armstrong dann wirklich seine ersten Schritte da oben machte und Paco Rabanne Kreationen aus Plastik und Metallketten fertigte. Und sie verwandelte sich in eine Odyssee, als die Aussichten ziemlich düster wurden und Modeschöpfer Kleider in Form von Atompilzen oder angsteinflößenden Androiden entwarfen.

Während dieser ganzen Zeit war die Zukunft jetzt, sprich ein einträgliches Konzept, die Gegenwart modisch ein wenig aufzupeppen – und sei es mit Entwürfen von anno dazumal. Auf futuristische Retro-Entwürfe griffen und greifen die Designer besonders gern zurück – schließlich liegen die vergangenen Inspirationen von Natur aus näher als die kommenden. Die Zukunft wurde so unter der Hand selbst zu einem historischen Konzept. Die Zukunft ist jetzt. Über den neuen Fotostrecken, die seit einigen Wochen die Mode der kommenden Frühjahrssaison ankündigen, steht nicht nur einmal dieser Satz geschrieben. Die abfotografierten Models ähneln weniger Menschen als Androiden, die Kleidungsstücke, die sie tragen, könnten genauso gut für Expeditionen in die Wüste, wie auf Stanislaw Lems Planeten "Solaris", gemacht sein. Sind sie allerdings nicht: "Es geht nicht um Science-Fiction", wird Nicolas Ghesquière in der amerikanischen Vogue zitiert, "es geht um die Gegenwart."

Visionen eines Space-Age

Mit seiner vom ersten "Terminator"-Film und dem Animations-Klassiker "Tron" inspirierten Frühjahrs- und Sommerkollektion hat Ghesquière bei Balenciaga den Anstoß zu einem Futurismus-Revival gegeben. Wobei damit weniger die historisch klar definierte Bewegung zu Anfang des vorigen Jahrhunderts gemeint ist, als die in den 60er-Jahren aufgekommenen Visionen eines euphorischen Space-Age. Klare geometrische Formen, wie abgesetzte Schulterpartien oder strenge Tuniken, kombiniert er mit Kettenhemden oder Reptilienleggings. Die Oberflächen schimmern metallisch, die Materialien sind Hightech.

Letzteres lässt sich von vielen weiteren Kollektionen in dieser Saison sagen: Von den gepolsterten Korsagen bei Dolce & Gabbana genauso wie den Volumen-Kleidern bei Lanvin. Selbst Häuser, die nicht unbedingt für experimentelles Design bekannt sind, wie Max Mara, Akris oder Calvin Klein, arbeiten mit Nylon und Leder, harten Schnitten und ungewöhnlichen Materialkombinationen – als müsste man der Gegenwart durch das Hintertürchen der Zukunft entkommen. Dabei orientieren sich die Designer durchwegs an den Zukunftvisionen der Vergangenheit (Das ist im Übrigen auch in der kommenden Saison so, das steht nach den gerade über die Bühne gegangenen Kollektionsvorschauen bereits fest): Eine neue Retro-Futurismus-Welle schwappt über uns her ein.

Problem der 60er Jahre

Doch warum gerade jetzt? Die Retro-Euphorie ist schon seit Jahren dabei, abzuklingen und die Zukunft so ungewiss wie schon lange nicht mehr. Oder ist Letzteres eine fehlerhafte Diagnose? Darauf würde einiges hindeuten – sowohl modeintern als auch – betrachtet man die neuesten Wirtschaftsdaten – mode extern. Anders als die Designs der Vergangenheit versprühen die neuen Entwürfe ein gewisses Maß an Euphorie – ohne dabei den Träger ganz aus dem Blick zu verlieren. Das war ja ein Teil der Faszination und gleichzeitig auch das Problem, das die 60er-Jahre Space-Age-Kleider hatten: Sie schienen oft wirklich eher für den Mond als für das ganz irdische Leben bei diversen Cocktailempfängen gemacht.

Die Entwürfe von Balenciaga bis Lanvin sind dagegen wesentlich softer und gegenwartsnäher, ja es sind oft recht herkömmliche Kleidungsstücke bzw. "ganz normale Hosen und Jacken", wie es Ghesquière ausdrückte. Das spacige Styling auf den Laufstegen ist vor allem für Imagezwecke da. Es soll auf die Details und die Hightech-Materialien hinweisen – und darauf, welchen Weg die Mode nehmen wird.

Roboterkleider

Diesen Punkt hat bei den Frühjahrs/Sommer-Schauen ein anderer Visionär der Mode in ein geniales Bild übersetzt. In der Show von Hussein Chalayan bekamen Kleider wie auf Knopfdruck ein Eigenleben. Säume fuhren nach oben, Jacken öffneten sich, Ärmel krempelten sich auf. Ein Sanduhrenkleid verwandelte sich innerhalb weniger Sekunden in ein Rabanne-Minikleid. Die stärkste These vermittelte aber das letzte der sechs Roboterkleider: Ein Sommerkleidchen, das zur Gänze in einem breitkrempigen Hut verschwand. Zurück blieb ein nacktes Model, das die Hände verschämt vor seiner Scham verschränkte. Bei aller Faszination für die technischen Möglichkeiten schien Chalayan mit dieser famosen Inszenierung eines sagen zu wollen: Am Ende zählt dann doch der Mensch. Mit dieser Einstellung steht Chalayan nicht alleine da, und sie ist es auch, die den Retro-Futurismus, der die Mode gepackt hat, so bodenständig erscheinen lässt.

Denn eines ist klar: In Zukunft wird es maßgeblich um die vernünftige Auseinandersetzung mit neuen Technologien gehen. In Schwärmerei muss man deswegen aber nicht ausbrechen, sie ginge auf Kosten jener menschlichen Qualitäten, die wir uns in der Vergangenheit so mühsam erarbeitet haben. Ein Blick zurück kann beim Blick nach vorne also nur hilfreich sein. (Stephan Hilpold/Der Standard/Rondo/02/03/2007)
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eine neue Retro-Futurismus-Welle schwappt über uns herein

Share if you care.