Toilettenfehler

1. März 2007, 17:00
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Die offene Hose als Ausdruck schlummender Revolution - Oder: Um das Zusammenleben zu erleichtern sollte auf die innere Verwahrlosung aufmerksam gemacht werden

+++Pro
Von Markus Mittringer

Einst, wenn ich mich recht erinnere, war mein Leben ein – einziger Toilettefehler. Aufgewachsen als Stahlstadtkind blieb mir zwecks Annäherung an das andere Geschlecht einzig der Weg des Punk. Es war undenkbar, korrekt gekleidet Anschluss zu finden.

Also wurde kunstvoll inszeniert, was der Gegenwelt der Voestler und Hippies am Gang durch die regionalen Institutionen peinlich war: Da wurde zerrissen und befleckt, offen stehen gelassen und bloßgelegt. Sicherheitsnadel im Ohr: der männliche Punk. Laufmasche: sein Female-Pendant. Kirsch-Rum mit Dosenbier: die damals übliche Begleitmusik zur Anbahnung von...

Heute ist alles anders. Fast. Mein latent anarchisches Potenzial findet immer wieder eine Pforte zum Licht, das schlummernd Revolutionäre sprengt immer wieder Nähte, und ungebügelt passen Hemden ohnehin besser zum Gesicht. Gerade im Alter gedeihen Anmut und Zauber in der Gleichzeitigkeit von Stil und Toilettefehler. Ein Charmeur alter Schule ist ohne fallweisen Schatten am leinengschürzten Schritt völlig undenkbar.

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Contra---
Von Doris Priesching

Die meisten Menschen sagen nichts, wenn der Rawuzer im Gesicht ihres Gegenübers pickt oder das Hosentürl sperrangelweit offen ist. Ich gehöre nicht zu ihnen. Ein dezentes "Entschuldige, du hast da was" erspart dem Betroffenen viel Peinlichkeit und mir einen Ekel erregenden Anblick. Toilettefehler können nämlich dauerhafte Imageschäden nach sich ziehen.

Ally McBeal zum Beispiel traf sich einmal mit einem wirklich gut aussehenden jungen Mann. Sie aßen zu Abend, er gab sich geistvoll, kultiviert, witzig. Aber zwischen seinen Zähnen klebten Salat-reste, und an seinem Kinn glänzte Salatöl. Ally tat (ausnahmsweise) das einzig Richtige: Sie nahm ganz schnell Reißaus.

Toilettefehler deuten auf eine gewisse innere Verwahrlosung desjenigen, der sie begeht, und es ist nicht mehr als eine Frage der Zivilcourage, darauf aufmerksam zu machen. Nehmen wir den Wäschezettel auf dem T-Shirt: Jeder sieht ihn, keiner sagt was. Ja, die Gebote der Zivilisation sind mitunter mühsam, aber sie erleichtern das Zusammenleben doch sehr. (Der Standard/Rondo/02/03/2007)

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