Historiker relativiert "Narrenturm-Bild"

9. Oktober 2007, 14:36
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Erstaunlich offener Umgang mit psychisch kranken Patienten im 16. bis 18. Jahrhundert - Forschungsergebnisse vorgestellt

Graz - Neues Licht auf die Geschichte psychischen Krankseins in Österreich wirft der Grazer Soziologe und Historiker Carlos Watzka mit seiner Publikation "Arme, Kranke, Verrückte". Der Autor belegt darin, dass im Grazer Ordensspital der "Barmherzigen Brüder" schon im 17. Jahrhundert psychisch Kranke durchaus als "Patienten" behandelt und nicht bloß als "Verbrecher", "Asoziale" oder "unheilbare Narren" weggesperrt wurden.

Krankenprotokolle ausgewertet

Im 16. und 17. Jhdt. entwickelten geistliche Ordensgemeinschaften - allen voran die "Barmherzigen Brüder" - das traditionelle Hospital-Konzept im modernen Sinne weiter. Ein solches - das sowohl somatisch als auch psychisch kranke Patienten versorgte - befindet sich seit 1615 auch in Graz. "Insbesondere die Geschichte des psychischen Krankseins in Österreich ist auch heute noch über weite Strecken terra incognita", hält Watzka fest.

Für die Zeit des 16. bis 18. Jahrhunderts hat er eine repräsentative Zahl (rund 300) der in Graz erhalten gebliebenen Krankenprotokolle (rund 6.000) ausgewertet - und ist zu überraschenden Ergebnissen gelangt.

Keine Welt der Narrentürme

Die bedeutendsten Daten seiner Analyse beträfen den Verlauf und die Ergebnisse der Behandlung der psychisch kranken Patienten, so Watzka zur Buchpräsentation. Hinsichtlich des bisherigen Bildes von aus der Öffentlichkeit in "Narrentürme" und Keller weggesperrten psychisch Kranken in voraufklärerischer Zeit seien die gewonnenen Grazer Daten "nicht anders denn als revolutionär" zu bezeichnen.

Offenheit im Umgang

"Es bestanden offensichtlich auch ganz anders gestaltete Formen des Umgangs mit psychisch Kranken", konstatiert der Wissenschafter. Sichtbar werde dies schon an der Art der Unterbringung: 63 Prozent der psychisch Kranken wurden gemeinsam mit den somatischen Patienten im allgemeinen Krankensaal untergebracht. "Eine derartige Offenheit im Umgang mit psychischer Krankheit wurde in den europäischen Gesellschaften vom späten 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart nicht mehr erreicht".

Nichts-Diskriminierung in der KH-Praxis

Die Nicht-Isolation der "Verrückten, Korrupten und Verwirrten", wie sie damals genannt wurden, verdanke sich zwar zu einem Gutteil wohl den beschränkten ökonomischen Möglichkeiten, die es nicht erlaubten, ständig eine größere Zahl von Patienten "extra" zu versorgen, relativiert der Forscher. Dennoch zeige sich hier "ein später, das heißt im gesamten 19. Jahrhundert und zumindest bis in die 1960er-Jahre, kaum vorstellbarer Zugang der Nicht-Diskriminierung in der Krankenhauspraxis".

Effiziente unbekannte Therapie

Auch war die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der psychisch Kranken mit 40 Tagen überraschend niedrig. Über drei Viertel der wegen "Irrsinns" behandelten Patienten wurden - nach damaliger Definition - "gesund" entlassen. "Die betriebene Therapie war also augenscheinlich sehr effizient - wie die Kranken genau behandelt wurden, weiß ich bis heute noch nicht ganz", gesteht Watzka.

Die über 500 Seiten starke Publikation enthält neben der detailreichen soziologischen Auswertung der Krankenakten eingehende Erörterungen über das historische steirische Hospitalswesen. (APA)

Literaturtipp
"Arme, Kranke, Verrückte"
Veröffentlichung des Steiermärkischen Landesarchivs
ISBN 3-901938-18-4
568 Seiten, € 25.-
  • Artikelbild
    foto: standard/robert newald
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