Die Distanz zwischen Sonne und Trabanten

29. Juli 2000, 10:05

Zehn Jahre nach Bruno Kreiskys Tod sucht die SPÖ ihre Zukunft. Der große Mann oder das Problem der Wahl des geeigneten Nachfolgers Dritter Weg, Neue Mitte, Zivilgesellschaft: Eine rote Begriffsverwirrung


Samo Kobenter


Vielleicht sieht die SPÖ so aus, wie eine linke Partei eben aussieht, nachdem sie den langen Marsch durch die Institutionen hinter sich gebracht hat. Es geschafft hat. Ein halbes Jahrhundert Vorbereitung auf die Macht, 30 Jahre an der Macht - und dann wortlos in die Opposition? Ohne Reibungsverlust gelingt das keiner Partei, schon gar nicht einer, die mit dem Plan angetreten ist, die Welt zu verändern.

Natürlich merken das die Sozialdemokraten, natürlich weiß ihr Vorsitzender Alfred Gusenbauer, dass Macht vor allem den verbraucht, der sie nicht hat. Deshalb hat er sofort ein klares Ziel gesteckt: so schnell wie möglich zurück in die Regierung. Die SPÖ, so das Selbstverständnis der Enkel Bruno Kreiskys, ist nicht für die Opposition gemacht.

Leicht ließe sich dies als - auch gegen die eigene Geschichte gerichtete - Hybris verkennen. Und doch scheint diese Haltung nicht unverständlich, wenn man sie am Lebensalter ihrer Protagonisten misst. Ein heute 40-Jähriger erlebte seine politische Sozialisation zur Blütezeit der Ära Kreisky. Sein Bildungsweg verlief entlang der Marksteine, welche die SPÖ zu Beginn der 70er-Jahre setzte, um allen Menschen freien Zugang zu den Bildungseinrichtungen zu ermöglichen. Ein Arbeiter, der heuer in Pension geht, hat in drei Jahrzehnten mehr soziale Veränderungen erlebt als Generationen vorher. Aber auch: Wer heuer 30 Jahre alt wird, hat bis zum letzten Regierungswechsel keine andere Partei an den entscheidenden Schalthebeln der Macht erlebt als die SPÖ - eine Partei, die von ihrem Erbe begraben zu werden droht? Eine Bewegung, die Gefahr läuft, ins Anekdotische der Geschichte abgedrängt zu werden, wo der alte Kreisky zu seiner letzten Funktion als Stichwortgeber verdammt ist?

Noch immer dreht sich, wenn in der SPÖ die Sinnfrage aufkommt, alles um den Kanzler der besten sozialdemokratischen Jahre. Im Licht Kreiskys betrachtet waren alle seine Nachfolger Trabanten, die näher oder weiter entfernt um seine Sonne kreisten. Die Zerwürfnisse mit seinen Kronprinzen wurden so nachdrücklich in den Rezeptionsfundus aufgenommen, dass daneben die anhaltende Wirkung dieses Jahrhundertpolitikers verblasst. Bis heute definiert die SPÖ Inhalte und Strategien über die Distanz, die sie zum Werk Kreiskys einnehmen. Keiner seiner Nachfolger hat es - und daran leidet die SPÖ jetzt, wo sie nicht mehr an der Regierung ist, sichtbar - wie Kreisky verstanden, deklarierten Gegnern eine jenseits der Ideologie liegende Idee zu vermitteln. Die hatte mit übergreifender Solidarität zu tun, um für etwas gewappnet zu sein, das Kreisky nicht als Verkündigung des Paradieses, sondern als Bedrohung empfand: "Die kommende Gesellschaft wird das Ergebnis einer ganzen Reihe geschichtlicher Prozesse sein, durch welche die Menschen, wie die Umstände, gänzlich umgewandelt werden."

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