Bruno Kreisky - Charismatiker, Stratege und "Erfinder" der FPÖ

22. Juli 2000, 12:16

Josef Taus

". . . denn man muss das in aller Direktheit festhalten: Er hat sich einfach von der FPÖ in den Sattel heben lassen und sie dafür bezahlt - mit Mandaten." Erinnerungen von Ex-VP-Chef Josef Taus an den Mann, den sie "Sonnenkönig" nannten: Der Industriemanager würdigt seinen einstigen Kontrahenten in der Wahlkampfarena als einen der erfolgreichsten Parteipolitiker der Zweiten Republik - "und wenn er heute mystifiziert und glorifiziert wird, dann gönne ich es ihm".

Ich habe Dr. Kreisky ziemlich lange gekannt, bevor ich ihm in der politischen Arena direkt gegenüberstand. Ich war knapp zehn Jahre Aufsichtsratsvorsitzender der ÖIAG, auch in der Zeit von 1970 bis 1975, als die SPÖ schon die absolute Mehrheit im Parlament hatte. Von meiner Seite aus kann ich sagen, dass wir persönlich immer ein gutes Verhältnis hatten.

Als ich dann nach dem Unfalltod von Dr. Schleinzer praktisch mitten im Wahlkampf die Obmannschaft in der ÖVP übernehmen musste, war mir klar, dass es gegen einen Politiker, der am Zenit seiner Laufbahn stand, nicht leicht sein würde. Jeder, der Näheres über so eine Situation wissen möchte, sollte die "Psychologie der Massen" von Gustave Le Bon lesen. Mein Ziel war es daher primär, die ÖVP als Großpartei in der politischen Szene Österreichs zu erhalten.

Wirtschaftspolitisch konnte sich Dr. Kreisky in den ersten zwei Legislaturperioden seiner Regierung einiges leisten, denn die Regierung Klaus hatte ihm ein exzellentes Budget hinterlassen - etwas, das heute gerne vergessen wird -, und "panem et circenses" ist bis zum heutigen Tag kein schlechtes politisches Rezept.

Bruno Kreisky war ein sehr intelligenter und gebildeter Mann, und Vier-Augen-Gespräche mit ihm waren durchaus ein Vergnügen.

Wirtschaftliche Angelegenheiten waren seine Sache nicht, aber er hatte ein Gespür für Leute und politische Situationen; vor allem war er "in". Er war der erste österreichische Spitzenpolitiker, der im westlichen Stil mit den Medien umgegangen ist. Das hat er, wie er mir erzählte, in der schwedischen Emigration gesehen und auch gelernt.

Ohne Zweifel war Dr. Kreisky einer der erfolgreichsten Parteipolitiker der Zweiten Republik. Jemandem, der mehr als zehn Jahre Kanzler ist, dem ist der Erfolg nicht abzusprechen.

System perfekt bedient

Ich würde allerdings nicht so weit gehen, die für die SPÖ erfolgreiche Zeit unter dem Parteivorsitz von Dr. Kreisky als etwas grundlegend Neues zu bezeichnen, als eine Art gesamtösterreichische "Kreisky-Ära". Das System, in dem er agierte, hat es schon vorher gegeben, Dr. Kreisky hat es perfekt bedient. Er hat seine Partei ordentlich geführt, obwohl er, wie jeder, viele Gegner und Probleme hatte. Für einen demokratischen Politiker war er jedenfalls eine sehr lange Zeit erfolgreich.

Ob er das auch heute noch wäre, lässt sich schwer sagen: Es hat sich viel geändert, und das politische System der Nachkriegszeit, das im Wesentlichen aus den beiden Großparteien bestand, ist offensichtlich zu Ende. An diesem Punkt muss man allerdings sagen, dass er mit der Schwächung begonnen hat. Man muss das in aller Direktheit festhalten: Er hat sich einfach von der FPÖ in den Sattel heben lassen und sie dafür bezahlt - mit Mandaten.

Fehlkalkulation

Die Wahlrechtsreform war nicht von schlechten Eltern: Bei gleicher Stimmenanzahl konnten die Freiheitlichen ihre Mandate verdoppeln. Das heißt, die tatsächliche Integration der FPÖ in das österreichische System hat Dr. Kreisky ermöglicht. Aber er stand freilich in einer SPÖ-Tradition hinsichtlich der Freiheitlichen: Deren Vorläuferpartei, der VdU, wurde ja 1949 im Wesentlichen mithilfe der Sozialisten ins Leben gerufen, um die ÖVP zu schwächen. Das war schon zu Beginn eine Fehlkalkulation, denn die Freiheitlichen bekamen auf Anhieb 16 Mandate, und nicht nur die ÖVP, auch die SPÖ verlor Stimmen.

Dr. Kreisky wusste jedenfalls genau, dass er sich diese strategische Option offen halten musste, damit er "uns Schwarze" los wird. Natürlich haben auch wir das gewusst. Die ÖVP konnte auf diese strategische Option daher auch nicht verzichten, deshalb habe ich auch mit Dr. Götz verhandelt. Daher ist die heutige Aufregung in der SPÖ über die Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen eigenartig.

Dennoch ist natürlich vieles aus der Ära Kreisky geblieben. Ich würde als eines der Positiva die legislative Untermauerung der Gleichstellung der Frauen in der Gesellschaft ansehen. In der Verstaatlichten Industrie dagegen gab es den Rückfall in ein veraltetes Konzept. Auch das ändert freilich nichts daran, dass Dr. Kreisky ein großer Politiker war. Wenn er heute glorifiziert und mystifiziert wird, dann gönne ich es ihm.

Dr. Josef Taus (67), 1975-79 Parteiobmann der ÖVP, ist heute Aufsichtsratsmitglied der Post & Telekom Austria.

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