Gratiskondome für Blauhelme

22. Juli 2000, 10:38

UN-Aktion soll Aids bremsen - Das Problem sexueller Übergriffe bleibt aber

Das blaue Handbuch für UN-Soldaten ist so handlich, dass jeder Mann es sich in die Hosentasche stecken kann. Es fordert die Soldaten auf, von Vergewaltigungen Abstand zu nehmen. Den Verantwortlichen in der UNO ist bewusst, dass ihre Soldaten nicht nur die Bordelle bevölkern, die nach ihrem Einzug in ein Krisengebiet wie Pilze aus dem Boden schießen. Beschwerden wegen sexueller Übergriffe durch Blauhelme gegen Frauen und Kinder kehren immer wieder.

"Die Berichte über diese Verbrechen und die Ermittlungen der UNO selbst werden geheim gehalten, um den guten Ruf der Organisation zu schützen", klagt die Soziologin Hanne-Margret Birckenbach von der Universität Kiel in einem von Unesco und UNO herausgegebenen wissenschaftlichen Sammelband.

HI-Virus verbreitet

Zugleich trugen die Blauhelme dazu bei, den HI-Virus über den Erdball zu verbreiten. In den Einsatzländern und nach ihrer Rückkehr bei Ehefrauen und Freundinnen zu Hause. Vor wenigen Tagen hat nun der Weltsicherheitsrat beschlossen, Blauhelmsoldaten künftig "ein Kondom pro Tag" zu spendieren, um "Safer Sex" praktizieren zu können. Alle Staaten sollen außerdem ihre Soldaten vor der Entsendung auf Aids testen - auf freiwilliger Basis. Was mit HIV-Positiven geschehen soll, lässt die Resolution offen.

UN-Mitarbeiterinnen und Friedensforscherinnen plädieren dafür, mehr weibliche Fachkräfte in Friedensmissionen zu entsenden. Ihre Präsenz würde eine soziale Kontrolle auf männliche Kollegen bewirken. Bisher betrug der durchschnittliche Frauenanteil ein Drittel beim Militär und bei der zivilen Polizeitruppe rund zwei Prozent.

Frauen im Quartier

Zwei Beispiele erhärten diese Forderung: Der UN-Einsatz in Namibia, bei dem der Frauenanteil 60 Prozent betrug, war die erste Friedensmission, bei der Blauhelme und UN-Mitarbeiter wegen sexueller Übergriffe an den Pranger gestellt wurden. Manche Soldaten hielten sich einheimische Frauen in ihren Unterkünften, hochrangige Angestellte machten sich Frauen sexuell gefügig, die als Ortskräfte bei ihnen arbeiteten. Vom Chef einer anderen Friedensmission wurde berichtet, dass er ähnliche Beschwerden mit einem nachlässigen "Boys will be boys" quittierte.

Im Gegensatz dazu der UN-Einsatz in Kambodscha, für den kaum weibliche Fachkräfte rekrutiert wurden: Dort verliefen die vielfachen Klagen wegen sexueller Übergriffe an Frauen und Kindern im Sand. In Phnom-Penh stieg die Zahl der Prostituierten innerhalb eines Jahres von 6000 auf über 20.000. Der HI-Virus verbreitete sich durch die Blauhelme rasch in dem bis dahin nahezu aidsfreien Land.

"Freibrief"

Die aktuelle Kondom-Initiative soll schützen, könnte aber auch als Freibrief für die Soldaten gelesen werden. Längst ist bekannt, dass Frauen und Kinder in Krisengebieten sich häufig aus existenzieller Not prostituieren. Andere werden von Menschenhändlern dazu gezwungen. Dennoch machen viele "Friedenssoldaten" und andere internationale "Helfer" von ihrem Angebot Gebrauch.

Hanne-Margret Birckenbach fordert deshalb, alle Soldaten, die zu UN-Missionen entsandt werden, für diese Hintergründe zu sensibilisieren und zu schulen, keine Gewalt an Frauen zu verüben. Wie dringlich dies ist, zeigt ein Beispiel aus dem Kosovo: Dort wurde im Januar ein amerikanischer KFOR-Soldat des sexuellen Missbrauchs und Mordes an einem zwölfjährigen albanischen Mädchen angeklagt. STANDARD-Mitarbeiterin Rebecca Hillauer aus Berlin

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