Nach Johannes Eder der Schneefall

1. März 2007, 09:04
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Biathlet Lars Berger aus Norwegen holt Gold - Eder belegt zehn Tage nach Ende seiner Sperre Platz vier und ist darob "ein bisschen verwirrt"

Am 11. Februar des Vorjahres hat ederjoe.com quasi den Betrieb eingestellt. "Drückt mir die Daumen", forderte Langläufer Johannes Eder noch wenige Stunden vor dem olympischen Teamsprint zu Pragelato unter News von den Usern. Danach - wie abgerissen.

Sieben Tage später hebt der Turiner Olympiaskandal mit Razzien in den Quartieren der österreichischen Biathleten und Langläufer an. Eder wird angetroffen, als sich der offensichtlich bemerkenswert geschickte, aber wegen Durchfalls dehydrierte Salzburger gerade mittels Infusion mit einer Kochsalzlösung labt.

Am 12. Mai 2006 sperrt ihn die Disziplinarkommission des österreichischen Skiverbandes (ÖSV) für ein Jahr - nicht wegen Dopings, sondern wegen Anwendung verbotener Methoden. Nur ein Arzt hätte die Infusion verabreichen dürfen. Der internationale Skiverband (FIS) will mit eigenen Konsequenzen auf den Abschluss der Untersuchungen durch die Turiner Staatsanwaltschaft warten. Er wartet noch immer. Der Athlet beruft vergebens vor dem Internationalen Sportgerichtshof. Seine Karriere will er fortsetzen. Eder, gebürtig in Viehhofen, studiert in Innsbruck und trainiert in Seefeld, fernab vom Team, aber unter den Augen der Dopingjäger. "Durch eine Sperre fällt man nicht aus dem Pool der zu testenden Athleten", sagt Michael Mader, der Geschäftsführer des österreichischen Anti-Doping-Komitees. Über Kontrollen bei Eder ist nichts bekannt.

Um den Gesperrten kümmert sich ab und an der Bayer Bernd Raupach, als Trainer in Ruhpolding einst für den Durchbruch von Tobias Angerer verantwortlich, jetzt Herrentrainer in Österreich. "Und ich habe ihm manchmal gut zugeredet", sagt Markus Gandler, der ÖSV-Sportdirektor.

"Er hat bei Kontrollen einen hohen Leistungsstand gezeigt", begründet Langlauf-Cheftrainer Franz Gattermann Eders überraschende Nominierung für die WM in Sapporo. Mit einer Wiedergutmachung für erlittene Unbill habe das nichts zu tun. Erst vier Tage vor WM-Beginn läuft Eders Sperre ab. Bei seinem Eintreffen in Sapporo wird er als einer der wenigen Langläufer nicht nur dem obligaten Bluttest unterzogen, sondern muss zusätzlich noch eine Urinprobe abgeben.

Eders erster Einsatz in der Doppelverfolgung wird zum Fiasko, er gibt nach zwölf Kilometern auf. Mangels FIS-Punkten muss er über 15 Kilometer als Zweiter starten, noch vor so genannten Exoten.

Im Langlaufstadion zu Shirahatayama ist es am Mittwoch windig, Schneewolken dräuen erst, als Eder in die eisige Spur startet. Im Ziel ist der 27-Jährige zunächst nur Zweiter, sogar vom völlig unbekannten Weißrussen Leanid Karneyenka geschlagen. "Es war schon besser, aber gut war es auch noch nicht", sagt Eder, während es stark zu schneien beginnt und Biathlet Berger, einer der Geheimfavoriten, aber wegen seltener Auftritte im Langlauf mit relativ niederer Nummer unterwegs, überlegen die Führung übernimmt. Es schneit bald so stark, dass sich die "Autobahn in einen Feldweg verwandelt", wie Österreichs chancenloser Hoffnungsträger Christian Hoffmann beschreibt.

Stapfen und staunen

Die am Ende des Feldes gestartete "Rote Gruppe" der 30 Allerbesten, darunter Hoffmann, stapft frustriert ins Debakel. Im Ziel ist Sportdirektor Gandler außer sich: "Eder macht eine Medaille!" Aber der Schneefall endet ein paar Minuten zu früh, früh genug, um Angerer eine Aufholjagd zu ermöglichen. Der Deutsche, als Letzter gestartet, fängt Eder noch ab. "Ich bin ein bisschen verwirrt", sagt der Blechgewinner. "Ich hab' schon Rennen gehabt, in denen ich besser gelaufen und 37. geworden bin. Hätte ich das gewusst, hätte ich die paar Sekunden gefunden." Gandler kann "eigentlich nicht sportlich analysieren. Vielleicht hat der Johannes etwas zurückbekommen". Und vielleicht geht auf ederjoe.com auch bald wieder etwas. (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 1. März 2007, Sigi Lützow aus Sapporo)

Ergebnisse vom 15 km Skating-Langlauf der Herren bei den Nordischen Weltmeisterschaften am Mittwoch in Sapporo:

1. Lars Berger (NOR) 35:50,0 Min. - 2. Leanid Karnejenka (BLR) + 35,8 Sek. - 3. Tobias Angerer (GER) 52,4 - 4. Johannes Eder (AUT) 58,3 - 5. Axel Teichmann (GER) 1:14,6 - 6. Alexander Legkow (RUS) 1:16,4 - 7. Franz Göring (GER) 1:17,9 - 8. Johan Olsson (SWE) 1:19,3 - 9. Marcus Hellner (SWE) 1:23,0 - 10. Pietro Piller Cottrer (ITA) 1:24,3. Weiter: 16. Ole Einar Björndalen (NOR) 1:36,8 - 19. Christian Hoffmann (AUT) 1:50,1 - 29. Jürgen Pinter (AUT) 2:23,6. Nicht gestartet u.a.: Michail Botwinow (AUT); u.a. aufgegeben: Vincent Vittoz (FRA)

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    "Ich hab' mich nur deshalb ein Jahr sperren lassen, weil ich gewusst habe, dass es heute um drei Uhr zu schneien beginnt", sagte Johannes Eder nach dem vierten Platz.

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    "Wenn er nicht schießen muss, ist er besser", sagt Ole Einar Björndalen über seinen BiathlonKollegen Lars Berger (Bild). Während Björndalen im Schneefall chancenlos war, lief der 27-Jährige zum Titel über 15 Kilometer. Mit der Staffel war er schon Weltmeister.

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    Das Podium: Lars Berger mittig, Leanid Karnejenka links und Tobias Angerer.

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