Der Klang des Unberechenbaren

6. März 2007, 14:31
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London Symphony Orchestra in Wien

Wien - Erstmals seit elf Jahren stand Sir Colin Davis in Wien nicht mehr als Chefdirigent am Pult des London Symphony Orchestra - der Russe Valery Gergiev ist seit Jahresbeginn sein Nachfolger in dieser Position- , sondern mit dem Ehrentitel Präsident des Orchesters. Eine Ehre, die zuletzt Leonard Bernstein zuteil wurde. Das Programm des ersten Wienkonzertes war entsprechend festlich und ehrerbietig gewählt: Dvoraks Sechste, Beethovens Zweite, sowie dessen Egmont-Ouvertüre.

Die Faszination lag in der Uneinheitlichkeit: Selten vereinte ein Orchester grundlegende Orchester-Unarten - verschleppte Auftakte einerseits, davoneilende Rhythmen andererseits - mit ausgefeiltem Zusammenspiel und duftigen Klangfarben in derart stetem Wechsel. In der "Egmont"-Ouvertüre schienen sich die Musiker noch aufeinander einstellen zu müssen. Zwar ließen Holz und Blech interessiert aufhorchen, doch die dynamische Balance, um kleinen thematischen Finessen zu ihrem Recht zu verhelfen, erzwang Davis nicht nachhaltig. In Beethovens Zweiter stellte sich das musikantische Miteinander ein - das Larghetto entwickelte Intensität, der heikle Beginn des Scherzos glückte - doch fehlte vor allem der homogene Geigenklang - Einzelstimmen traten fasrig aus dem Ganzen, wobei in der dritten Reihe Parkett durchaus ein verzerrter Eindruck entstehen mag ...

In Dvoraks 6. Symphonie war der Lust am überbordenden Klang Takt und Ohr geöffnet. Die Taktwechsel des Furiant (Scherzo) trotzten die Musiker dem böhmischen Tanz Akzent für Akzent ab - rhythmischem Schlingern des Gesamtgefährts wurde geschickt gegengesteuert. Im Trio durften auch ruhigere, elegische Töne anklingen, bevor im Finale noch einmal alle Kräfte zum Einsatz kamen.

Die Londoner führten die Kunst der thematischen Stafettenübergabe perfekt vor, klangliche Schwärmereien zwischen Blech und Holz setzten sich durch, Geigen und Kontrabässe ergingen sich in beißenden Sticheleien. Dem unbändigen Zuviel sollte der durchsichtige Schallschutz vor dem Blech wohl Einhalt gebieten, was manchmal aber nur als dynamischer Placeboeffekt zu Ohren kam. (Petra Haiderer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 2. 2007)

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