Glatze bei Frauen gesellschaftlicher "Makel"

21. Juli 2000, 20:03

Deutsches Höchstgericht: Keine Perücke für Beamten verstoßt nicht gegen Grundsatz der Gleichbehandlung

Mannheim - Männliche Beamte mit Vollglatze haben nach einem Urteil des baden-württembergischen Verwaltungsgerichtshofs (VGH) nicht den gleichen Anspruch auf Finanzierung einer Perücke wie ihre Kolleginnen. Die Regelung verstoße nicht gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz, beschied das Gericht in einer am Freitag in Mannheim veröffentlichten Entscheidung. Damit wies der VGH die Klage eines seit seiner Kindheit unter totalem Haarausfall leidenden Mannes ab.

Der 1951 geborene Staatsdiener hatte sich vor vier Jahren eine Perücke angeschafft und anschließend beim baden-württembergischen Landesamt für Besoldung und Versorgung die Erstattung der Kosten beantragt. Die Behörde weigerte sich jedoch, die 770 Mark zu zahlen. Daraufhin wollte sich der Beamte das Geld vor Gericht erstreiten. Er argumentierte, die Beihilfebestimmungen verstößen gegen das Grundgesetz und den EU-Vertrag.

Sinn und Zweck

Die Richter des VGH gaben dem Landesamt jedoch recht. Die Beihilfebestimmungen regeln nach Auffassung des Gerichts eindeutig, dass Perücken für Männer mit totalem oder sehr weitgehendem Haarausfall nur bis zum dreißigsten Lebensjahr, für Frauen dagegen unbegrenzt förderfähig sind. Sinn und Zweck dieser Bestimmungen sei es, die psychischen Folgewirkungen der Glatzenbildung bei fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz zu lindern. Die Altersgrenze diene dazu, die persönliche Entwicklung junger Männer im Zeitraum ihrer entscheidenden Prägung von psychischen Belastungen freizuhalten. Bei älteren Männern hingegen komme starker Haarausfall häufig vor und sei "in der Gesellschaft als alltägliche Entscheidung akzeptiert."

Bei Frauen sei dies anders, urteilten die Richter. Vollständiger oder sehr weitgehender Haarausfall bei Frauen jeden Alters werde in der Gesellschaft "als ein derartiges Makel angesehen, dass das Tragen einer Perücke für sie unerlässlich ist, um wenigstens von außen veranlasste psychische Belastungen so weit als möglich zu verhindern". Da somit sachliche Unterschiede bestünden, verstoße die verschiedentliche Behandlung nicht gegen die grundgesetzliche Gleichbehandlungsvorschrift. (Reuters)

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