Das Banner

14. März 2007, 16:23
15 Postings

Hinge das Transparent an der Querseite des Hauses, sähen es täglich zigtausende Autofahrer. So freue nur ich mich drüber

Es war neulich. Da meinte P., es wäre an der Zeit, dass ich mich bedanke. Bei meinem Bezirksvorsteher. Und als ich P. mit großen fragenden Augen ansah, nahm er mich an der Hand und führte mich hinaus. In den Regen auf den Raucherbalkon. Damit ich mit eigenen Augen sähe, was mir da jeden Tag vor den Augen hängt. Aber natürlich, motzte P., das offensichtliche sähe ich eben erst dann, wenn ich meine Gäste an die frische Luft expediere. Noch ein Grund, nicht mit dem Rauchen aufzuhören, meint P.

Ich ersparte mir die Anmerkung, dass dieses aufmerksame Beobachten der gegenüberliegenden Fassaden dann aber auch ein Grund für mich wäre, Raucher auch in Zukunft nicht in meiner Wohnung pofeln zu lassen. Und ich freute mich stattdessen: Denn ganz Unrecht hat P. mit seiner Analyse, dass der Bezirksvorsteher das Banner am Haus gegenüber nur für mich (und höchsten 25 andere Menschen im lesefähigen Alter) anbringen lassen hat, vermutlich nicht. Und wenn jemand so an mich denkt, hebt das die Lebensqualität nicht nur sofort, sondern auch deutlich.

Buhlen & Werben

Ich gestehe: Ich habe das Buhen & Werben meines Bezirksvorstehers um meine Gunst bisher schmählich missachtet: Die mündlich vorgetragenen Einladungen zum Bezirksstammtisch (oder so ähnlich) habe ich immer verstreichen lassen. Und als der Bezirkschef neulich im M. – am Abend, als Paris Hilton mein Leben veränderte – vorbeischaute, war ich wirklich unhöflich. Und habe ihn nicht in die ziemlich lustige Runde mit Ds, den Chefs von Krone & heute (wir beknieten den Lokalchef gerade, den Baumeister doch bittebittebitte nicht rein zu lassen), hineingeholt.

Trotzdem ist mein Bezirkschef nicht nachtragend – und verschönt mir (und eben etwa 25 anderen Bürgern) ganz exklusiv den Blick vom (in meinem Fall) viel zu wenig genutzten Raucherbalkon aufs Amt. Exklusiv, weil er das Banner ja auch anderswo hätte hinhängen können: Etwa an jene Flanke seines Hauses, an der der gesamte vom Westen kommende Autoverkehr in einer eleganten S-Kurve auf die Wienzeile schwenkt: Statt 25 Anrainern (im schon ruhigeren Teil der Straße), erführen dann täglich tausende Autofahrer, dass das Leben in meinem Bezirk lebenswert ist.

Untendrunter parallel

Auch, weil dann sehr viele Autos frontal auf das Banner zuführen. Denn jetzt fahren (ziemlich wenige) parallel zum Transparent unten daran vorbei. Und nach mir und meinen Nachbarn kommt auf dieser Höhe – und exakt dem Banner gegenüber – nur ein Kindergarten und dann noch ein Haus, bevor (schon deutlich weiter stadteinwärts) wieder ein paar Wohnungen ihre Fenster in Richtung Bezirksamt richten. Aber schon zwei Häuser weiter, bei E., kann man das Transparent nicht mehr lesen. Bleiben also nur A., ich und die über dem Kindergarten lebenden Nachbarn.

Deshalb hat P. recht: Ich sollte mich bedanken. Und nicht kleinlich matschgern, dass mein Bezirkschef mir eine viel größere Freude gemacht hätte, um (vermutlich) nicht viel mehr Geld einen Poller (oder vielleicht gar einen Radständer – wegen der Lebensqualität im Grätzel) so vor die Hauseinfahrt zu stellen, dass die nicht viermal am Tag „versehentlich“ zugeparkt werden kann. Stattdessen, meint P., solle ich mich schämen. Weil ich keine Ahnung habe, wie lange dieses Dokument der persönlichen Bürgerbetreuung schon hier hängt.

P. hat Recht. Vielleicht revanchiere ich mich demnächst ja und hänge ein „Danke“-Transparent aus dem Fenster. Nur für meinen Bezirksvorsteher. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 28.02.2007)

  • Artikelbild
    foto: thomas rottenberg
  • Jeweils montags, mittwochs und freitags eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

    Jeweils montags, mittwochs und freitags eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

Share if you care.