Geiselnahme ohne Motiv

19. März 2007, 19:28
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Auslöser vermutlich Lebenskrise - Mit Plastikpistole bewaffneter Täter wollte "Aufmerksamkeit" - ergab sich nach langen Verhandlungen

Es war offenbar eine Geiselnahme ohne nachvollziehbares Motiv: "Vermutlich war der Auslöser für die Tat eine Lebenskrise. Seine Beziehung ging eben erst in die Brüche", erklärte Gerhard Winkler der Leiter des Polizei-Einsatz-Teams. Der 39-jährige Wiener betrat die Bawag-Filiale in der Mariahilfer Straße 22 in Wien-Neubau, nachdem er die ganzer Nacht mit Freunden durchgemacht hat, erklärte die Polizei bei einer Pressekonferenz am Dienstagabend nach dem Ende des fünfstündigen Tauziehens um die sieben Geiseln. Der Täter ist bereits wegen Gewalt- und Eigentumsdelikten vorbestraft.

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Wien - "Wenn Sie keine schusssichere Westen tragen, ist hier Ende. Weiter dürfen Sie nicht gehen. Oder wollen sie für ein Foto Ihr Leben riskieren?" Die Belehrung der Polizistin wirkt. Fotografen und Kameraleute bleiben hinter der Absperrung in der Wiener Mariahilfer Straße. Knapp 50 Meter weiter, zwischen Leiner und McDonald's befindet sich die Bawag-Filiale, in der am Dienstag um 10.58 Uhr der 39-jährige Günther B. sechs Angestellte und einen Kunden als Geiseln genommen haben soll.

Nicht einmal eineinhalb Minuten später war der erste Streifenwagen vor Ort – der Besatzung wurde von dem mutmaßlichen Täter sofort eine seiner Geiseln entgegen geschickt. Wenig später glich die größte Wiener Einkaufsstraße einem riesigen Parkplatz für die fast 100 Einsatzkräfte. Die Alarmabteilung Wega rückte mit einem grünen Panzerwagen an, die Wiener Rettung mit einem K-Zug – K steht für Katastrophe. Polizisten des Sonderkommandos postierten sich links und rechts des Einganges, Scharfschützen bezogen Stellung im gegenüberliegenden Haus Nummer 18. Rasch war der Abschnitt zwischen Museumsquartier und Krichengasse abgeriegelt.

Fünf Stunden sollte es dauern, bis der mutmaßliche Täter aufgab. Fünf Stunden, in denen er laut Gerhard Haimeder, Leiter der Kriminaldirektion 1, zwischen depressiver und aggressiver Stimmung geschwankt ist. Und seine Telefonate mit den Verhandlern der Polizei teilweise schlicht durch Auflegen beendet hat.

Erste Forderung: Zigaretten

Nach zwei Stunden kam schließlich die erste Forderung: Zigaretten. Dann plagten ihn und die Geiseln Durst. Also wurden Marlboro Light und Cola Light aus dem als Einsatzquartier der Polizei dienenden Fastfood-Restaurant vor der Schiebetür aus Glas abgelegt und von einer der Geiseln abgeholt.

Freunde am Telefon

Danach zeigte sich der Mann gesprächiger. Er verlangte, dass man Freunde ans Telefon holte. Mit einigen der Männern hatte der Verdächtige zuvor die Nacht zechend verbracht. Die Freunde wurden ausgeforscht und an den Tatort gebracht, zu einem Gespräch kam es schließlich nicht. Genausowenig wie mit der ehemaligen Lebensgefährtin von Günther B., die weinend von der Polizei durch die Menschenmassen eskortiert worden war.

Im Laufe der mühsamen Verhandlungen kristallisierte sich immer deutlicher heruas, dass der mutmaßliche Geiselnehmer in der Bank Medien via Internet nutzte. Doch nicht nur das: eine Tageszeitung versuchte gar telefonisch mit dem Mann Kontakt aufzunehmen, der Wiener Privat-Sender Puls TV_ strahlte Live-Bilder vom Tatort aus. "Jeder Bericht war für ihn abrufbar, er hätte im Falle eines Zugriffes verfolgen können, von wo die Einsatzkräfte kommen", kritisierte Polizeivizepräsidentin Michaela Pfeifenberger Dienstagnachmittag bei einer Pressekonferenz.

Russische Delegation

Aufmerksame Beobachter waren außerdem fünf Männer einer Delegation von Spezialkräften des russischen Innenministeriums, die sich zu einem Besuch in Österreich aufhalten. Dienstagvormittag waren sie unter der Führung des stellvertretenden Cobra-Chefs Oberst Walter Weninger auf dem Weg zu einer Polizeiübung in Oberösterreich. Übungsannahme war eine Geiselnahme in einer Schule. Auf der Westautobahn wurden sie aber von der Realität eingeholt und machten kehrt.

Nachund nach ließ sich der Mann Geiseln abhandeln, wirkliche Forderungen, etwa nach Geld oder einem Fluchtfahrzeug, hat er während dem ganzen Einsatz jedoch nie gestellt. Von einem der Menschen in seiner Gewalt hat der Verdächtige möglicherweise gar nichts gewußt: Ein Kunde der Bank hatte sich im ersten Stock des Gebäudes versteckt.

Die freigelassenen Geiseln gaben der Polizei Hinweise auf das Verhalten und die offenbar wirre Gefühlslage des Mannes. Dass er sie mit einer Pistole in Schach gehalten habe, einer Kunststoffnachbildung einer italienischen Beretta-Pistole, wie sich später herausstellen sollte. Dass er sie aber nicht misshandelt habe.

Stimmungsschwankungen

Die Stimmungsschwankungen des Mannes bekam aber auch das Verhandlungsteam weiter zu spüren. "Plötzlich hat er wieder gesagt ,Um 15.20 werd‘s schon sehn‘ ohne konkretere Drohung", schildert Gerhard Winkler, Chef der Verhandler. Um 15.58 Uhr kam Günther B. schließlich selbst in Begleitung der letzten Geisel, einer Frau, aus dem Gebäude. Auf dem Gehsteig legte er die Waffe nieder, Wega-Beamte rissen ihn nieder.

Warum der laut Polizei beschäftigungslose Wiener überhaupt in die Bank gekommen ist, blieb zunächst unklar – Motiv nannte der 39-Jährige vorerst keines. Die Exekutive ist sich daher auch nicht sicher, ob tatsächlich ein Bankraub geplant war oder es von Anfang an um eine erpresserische Geiselnahme ging. Je nachdem, was dem mutmaßlichen Täter schließlich zur Last gelegt wird drohen ihm zehn bis 20 Jahre Haft.

Gefahr für Geisel

Wie lange die Geiseln die Folgen spüren, ist offen. Eine außergewöhnliche Belastungssituation hinterlässt bei den Opfern fast immer Spuren in der Psyche. "Die Post-Traumatic Stress Disorder tritt meist drei Monate bis ein Jahr nach dem Vorfall auf. Natürlich kann es auch davor zu akuten Belastungsstörungen kommen", erklärt der Traumatherapeut Cornel Binder-Krieglstein. Entscheidend ist auch, wie sich die Geiseln in der Extremsituation verhalten, also ob sie "den Helden spielen" oder mit Gehorsam reagieren. Mitarbeiter von Geldinstituten werden mittlerweile von Traumatherapeuten geschult, wie man sich bei Überfällen und Geiselnahmen verhält. (kri, moe, simo, DER STANDARD - Printausgabe, 28. Februar 2007)

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