"Das Thema Älterwerden ist keines in Österreich"

21. März 2007, 12:51
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Am Arbeitsmarkt für Frauen ab 45 ist Umdenken gefordert – Zuerst gilt es, das Image des Alter(n)s zu korrigieren, meint das abz*austria

Die Vorbehalte der Unternehmen älteren ArbeitnehmerInnen gegenüber sind bekannt: Ältere sind teurer, werden öfter krank, sind nicht flexibel genug, können und wollen keine Veränderungen (mehr) mittragen. "Stimmt nicht", sagt Manuela Vollmann, Geschäftsführerin des abz*austria. "Viele von ihnen haben in den langen Jahren ihres Erwerbslebens viele Veränderungen, oft in ein und derselben Firma mitgetragen, das wird gerne übersehen. Mangelnde Flexibilität ist kein Problem des Alterns, sondern eine Frage der Rahmenbedingungen im Unternehmen: das gegenseitige Vertrauen und die nötigen Strukturen für ältere MitarbeiterInnen müssen gegeben sein, damit die Firma deren wertvolle Ressourcen auch nutzen kann."

Die Bilder über das Alter(n) müssten sich in den Köpfen verändern – Stereotypen seien nicht förderlich für das Bleiben am Arbeitsmarkt und hätten starken Einfluss auf die Betroffenen. "Ältere ArbeitnehmerInnen werden derzeit nicht als Potenzial für die Gesellschaft wahrgenommen. Wobei die Frage bleibt, wie lange wir uns das noch leisten können, dieses Potenzial brachliegen zu lassen", so Vollmann.

Brüche im Erwerbsleben

Das abz*austria hat sich in den letzten Jahren verstärkt in Projekten und Beratung mit den Problemen von Frauen ab 45 Jahren am Arbeitsmarkt auseinandergesetzt – Frauen, die noch 15 bis 20 Jahre Berufsleben vor sich hätten, aber, einmal herausgefallen, nicht wissen, ob und wann sie wieder einsteigen können, noch dazu in einen qualifizierten Job. Im Vergleich zu Männern dieser Altersgruppe haben sie - bedingt durch Familie, Kinder, Karenzzeiten, Arbeitslosigkeit - häufiger Brüche im Erwerbsleben, die den Einstieg erschweren. Teilweise suchen Sie Alternativen zu ihrem bisherigen Job, den sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausführen können. Sie sind finanziell schlechter gestellt und teilweise auch ohne Arbeit, weil der Mann bereits in Pension ist und die Frau bei sich zuhause haben möchte. Oft haben sie auch eine geringe Selbsteinschätzung ("Ich kann ja gar nicht mehr lernen"), und sind sich ihrer Fähigkeiten nicht (mehr) bewusst, was es ihnen schwer macht, sich am Arbeitsmarkt adäquat zu präsentieren oder neu zu orientieren. Manche wünschen sich einen Teilzeitberuf, um kürzer zu treten oder noch Zeit für Weiterbildung zu haben, andere sind aus finanziellen Gründen auf einen Vollzeit-Job angewiesen.

"Lernen bewegt"

Im Rahmen des Projekts AGEpowerment der Entwicklungspartnerschaft EQUAL führte das Non-Profit-Unternehmen 2005/2006 zwei Lehrgänge namens "Lernen bewegt" für jeweils zehn arbeitslose Frauen ab 45 durch. Im Mittelpunkt standen ganzheitliches, projektorientiertes Lernen, das (Wieder-)entdecken der Lust am Lernen und das Thema "Frauen, Alter(n), Arbeitsmarkt". In jeweils 14 Wochen á 30 Stunden wurden die Frauen darin unterstützt, ihre Ängste vor dem Lernen abzubauen und neue Perspektiven zu entwickeln. Im ersten Lehrgang stand die Entwicklung des viel beachteten Plakats "Geheimtipp", das ein neues, selbstbewusstes Bild von Arbeitnehmerinnen über 45 zeichnet. Der zweite Lehrgang entwarf die Broschüre "psssst...IHRE Chance!", die auf die spezifische Situation und die Vorzüge "älterer" ArbeitnehmerInnen in der Arbeitswelt aufmerksam macht.

"Viele haben sich für den Lehrgang gemeldet, weil sie etwas Neues machen wollten, neue Ideen für ihr Weiterkommen brauchten, aber da waren auch enorme Ängste da, ob sie das schaffen, ob das etwas für sie ist. Zu sehen, dass da viele Gleichgesinnte mit ihnen im Kurs sind, hat geholfen, sich doch drüberzutrauen." Sieben der 20 Frauen hätten danach wieder den Sprung zurück ins Erwerbsleben geschafft, etliche haben mit qualifizierten Weiterbildungsmaßnahmen begonnen.

Nachholbedarf

In Österreich sei das aktive Herangehen an die Problematik "Arbeit und Altern" derzeit kaum erkennbar, sagt Manuela Vollmann. Die Lissabon-Strategie der EU sieht vor, die Beschäftigungsquote der 55 bis 64-Jährigen bis 2010 auf 50 Prozent anzuheben – 2005 lag Österreich im OECD-Vergleich bei 31,8 Prozent, wobei Frauen dieser Altersgruppe mit 22,9 Prozent, Männer mit 41,3 Prozent im Arbeitsmarkt verankert waren. "Das Thema Älterwerden ist keines in Österreich. Da braucht es raschest Maßnahmen: auf der individuellen, der unternehmerischen und der gesamtgesellschaftlichen Ebene", sagt Vollmann.

Neben umfassenden arbeitsmarktpolitischen Strategien seien die Unternehmen gefordert, ihre Sichtweise zu verändern: So müssten etwa altersgerechte Aus- und Weiterbildungskonzepte und PersonalManagement-Konzepte entwickelt und der individuelle Wert der einzelnen älteren MitarbeiterInnen erkannt werden: "Hier geht es vor allem darum, nicht auf die, älteren Menschen zugeschriebenen, Defizite, sondern auf die Produktivität und das Unternehmensklima fördernde Faktoren zu schauen: was sind die individuellen Stärken, wo liegen ihre Vorteile. Wenn die Firma die langjährige Erfahrung und das Wissen älterer MitarbeiterInnen schätzt, können auch die Jüngeren davon profitieren." Allerdings hätten viele Unternehmen das schlummernde Potenzial noch nicht erkannt oder würden erst sehr spät zu handeln beginnen. "Die meisten beginnen erst mit AgeManagement, wenn die Nachteile durch den Wegfall dieser wertvollen Arbeitskräfte schlagend werden, anstatt vorausschauend die Arbeitsfähigkeit der gesamten Belegschaft, unabhängig vom Alter, zu stärken." (isa)

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