Analyse: "Seriöse Schätzungen" und der Generalverdacht

Redaktion, 27. Februar 2007 00:44

Binationale Ehen sind grundsätzlich verdächtig - Beobachtungen zu einem medialen Phänomen - von Heidi Weinhäupl

Im Jänner 2005 informierte die damalige Justizministerin Karin Gastinger,? ihres Zeichens auch FP-Chefverhandlerin des geplanten Asylgesetzes, die Öffentlichkeit per Presseaussendung von einer neuen Gefahr, nämlich der "Scheinehen": "Nach seriösen Schätzungen werden bereits mehrere Tausend Scheinehen pro Jahr in Österreich geschlossen. Tendenz stark steigend. Damit wird über diesen Umweg versucht, zum Aufenthaltsrecht zu kommen, ohne dass wir derzeit eine zufriedenstellende gesetzliche Handhabe dagegen haben."

Die Vorschläge zur "wirksamen Eindämmung" lieferte sie mit: Drittstaaten- Angehörige, die eine/n ÖsterreicherIn heiraten, sollten "in Einklang mit dem Fremdengesetz" gebracht werden. Ob die Scheinehe damit auch in die Quote der Familienzusammenführung gefallen wären, bleibt unklar. Insgesamt aber wurde mit der Einführung des neuen Fremdenrechts-Pakets die Situation für alle binationalen Ehepaare verschärft (derStandard.at berichtete. Auch die Begründung der "Scheinehe" findet sich seitdem mit schöner Regelmäßigkeit in den Zeitungsmeldungen.

Nicht mitgeliefert wurden in Gastingers Presseaussendung Quellen für diese "seriösen Schätzungen" des angeblichen Scheinehe-Booms. Auch in den österreichischen Zeitungsartikeln des darauf folgenden Jahres findet sich im wesentlichen eine einzige Zahl, eine Schätzung des obersten Fremdenpolizisten aus Wien, Willfried Kovarnik.

Was aber in der Pressemitteilung mitgeliefert wurde, war die gedankliche Verbindung zwischen binationalen Ehen und Scheinehen: "Allein in Wien werden 60% aller Ehen mit zumindest 1 nichtösterreichischen Partner geschlossen. Je strenger die asyl- bzw. fremdenrechtlichen Bestimmungen sind, desto mehr werden natürlich andere Wege gesucht. Mein Vorschlag würde jedenfalls ein wirksames Instrument gegen die zunehmende Zahl an Scheinehen darstellen," so die damalige Justizministerin.

Dass binationale Ehen im Steigen begriffen sind, ist demzufolge nicht auf die gestiegene Berufs-Mobilität zurückzuführen, den Tourismus-Boom, auf Zuwanderung von Nicht-ÖsterreicherInnen (die sich - uh, gefährlich - verlieben), oder auf soziale und familiäre Netzwerke von zugewanderten Neu- ÖsterreicherInnen. Statt dessen wurden die binationalen Ehen unter den Generalverdacht der Scheine gestellt.

Florian Klenk ortete im Falter im März 2005 "Überfremdungsängste" der Freiheitlichen als Ursache für diese Gleichsetzung; Irene Brickner hatte schon im Jahr 2004 angesichts der FP-Fremdenrechtspläne im STANDARD nach der Notbremse gerufen.

Doch in Summe reichte dieser Generalverdacht aus, um in Folge drastische Verschärfungen der Gesetze für binationale Paare zu rechtfertigen. Seitdem müssen diese Paare ihre Liebe nicht nur gegenüber Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in Österreich verteidigen, sondern in einem Bürokratie- Hürdenlauf auch gegenüber dem Staat rechtfertigen.

Etliche derjenigen binationalen Paare, die es sich bildungs- und einkommensmäßig leisten konnten, haben Österreich daher bereits den Rücken gekehrt (nachzulesen in den derStandard.at-Foren des Binationale Ehen) zu. So verliert dieses Land bestens ausgebildete StaatsbürgerInnen, um weitere Zuwanderung zu vermeiden. (Heidi Weinhäupl, derStandard.at, 27.2.2007)

Weasels Ripped My Flesh
27.02.2007 13:42
Meine Frau und ich

verlassen Österreich dieses Jahr in Richtung Kanada. Wir beide haben hier einen großen Freundeskreis und (meine) Familie, sie hat hier ihr Studium abgeschlossen, spricht nahezu perfekt Deutsch. Trotzdem bekommt sie keine Arbeitsgenehmigung, da ich!!! dafür nicht genug verdiene.
Davon abgesehen geht es ihr oft psychisch schlecht, weil ihr durch diverse Ämter und Gesetzesschikanen mitgeteilt wird, daß sie hier nicht erwünscht ist.
Wir beide sind hier sozial verwurzelt, verfügen über höhere Ausbildung und würden dem Staat in ein paar Jahren reichlich Gewinn in Form von Steuern abwerfen. So wie das Fremdenrechtsgesetz im Moment aussieht bleibt uns keine Wahl: Wir müssen unser Glück woanders versuchen. Danke, geliebtes "Heimatland"!

Flash Gordon
27.02.2007 14:18
Traurig und eine Schande für unser Land.

Ich kann Ihre Beweggründe vollkommen verstehen (bin selbst mit einer NICHT-EWR-Bürgerin verheiratet) und wünsche Ihnen alles Gute in Kanada.

Gusti Rentner
27.02.2007 14:48
EBENSO ! Von Herzen alles Gute in Kanada !

Weasels Ripped My Flesh
27.02.2007 18:06
Danke!

Vielleicht kehren wir ja dereinst wieder, wenn diese idiotische Politik dem Staat auf den Kopf gefallen ist und die Arbeitskräfte wieder schubkarrenweise in ein überaltetes Österreich geholt werden.
Hätte ich allerdings hier nicht Familie und Freunde, würde ich darüber keine Sekunde nachdenken.
Denn schon bei einem 15-minütigen Besuch in der kanadischen Botschaft haben wir uns bedeutend wohler gefühlt als in Österreich, dem Land in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Ich spreche hier nicht von einem Empfang mit Rosenstrauß sondern lediglich von zwischenmenschlichen Selbstverständlichkeiten und einer angenehm vernünftigen Art, die Dinge zu behandeln.

trebo
27.02.2007 11:05
Diese Regelung gehört ersatzlos gestrichen !

der Tatbestand einer Scheinehe ebenfalls.

Leider ist das jedoch ein Problem einer Minderheit, noch dazu emotionsgeladen und hat damit keine Chance auf Verwirklichung.

Es fehlen Politiker mit Zivilcourage und Menschenverstand, die nicht bei jeder ihrer Entscheidungen auf Meinungsumfragen und Populismus setzen.

Fredi1
28.02.2007 14:29

"Nicht mitgeliefert wurden in Gastingers Presseaussendung Quellen für diese "seriösen Schätzungen" des angeblichen Scheinehe-Booms. "

Das gleiche gilt übrigens für die Quellen der "Vergewaltigung innerhalb der Ehe" oder den "Missbrauch von Kindern".
Dort hat allerdings noch nie jemand gewagt, nach seriösen Quellen zu fragen.

Gusti Rentner
27.02.2007 14:49
Vielleicht könnte eine Petition an die neue Frau Bundesministerin für Justiz etwas bewirken !

Flash Gordon
27.02.2007 15:57

Fangen Sie an, ich unterschreib als erster !

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