Heuschreckendebatte nun auch in London

19. März 2007, 16:11
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Die Diskussion über Schaden oder Nutzen von Private-Equity-Firmen, die sich Heuschrecken gleich auf Firmen setzen, hat Großbritannien erreicht

London - Unter dem Druck einer an Schärfe gewinnenden Diskussion über Nutzen und Schaden privater Finanzinvestoren für die britische Wirtschaft hat sich deren prominentester Vertreter erstmals öffentlich zu Wort gemeldet. In einem BBC-Interview verteidigte der Chef der Private-Equity-Firma Permira, Damon Buffini, seine Branche gegen den Vorwurf, sie bringe wenigen Bankern und Managern Riesengewinne auf Kosten der Mitarbeiter: "Firmen, die uns gehören, werden stärker und erwirtschaften höhere Gewinne."

Auf der Insel arbeitet jeder sechste Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft für eine Firma, die sich im Besitz von Private Equity-Unternehmen oder -Konsortia befindet. In der britischen Wirtschaftspresse gehört fundamentale Kritik an Finanzdienstleistern an sich zu den Ausnahmen - schließlich sind die Briten normalerweise stolz auf die Rolle Londons als derzeit wichtigster Finanzplatz weltweit, eine Position, die New York nicht zuletzt aufgrund der restriktiven Sarbanes-Oxley-Investorengesetzgebung eingebüßt hat.

Die Kampagne der Gewerkschaften hat aber sowohl in der Politik wie bei den Medien einen Nerv getroffen. Häufig wird zustimmend die deutsche Heuschreckendebatte zitiert. Als "Heuschrecken" hatte der frühere SPD-Vorsitzende und jetzige deutsche Vizekanzler Franz Müntefering jene Investoren bezeichnet, die unrentable Unternehmen aufkaufen, mit hohen Schulden belasten und gewinnbringend weiterverkaufen.

Mit einer Grundsatzrede hat sich erstmals auch der als besonnen geltende Chef des Gewerkschaftsdachverbands TUC in die Debatte eingemischt. Brendan Barber stellte den Wert des Finanzplatzes City of London für die britische Wirtschaft infrage. Man müsse darüber diskutieren, sagte der TUC-Chef, "wie viel von dem immensen Reichtum der City" bei den Menschen in nordenglischen Metropolen wie Newcastle oder Manchester, aber auch im direkt angrenzenden Londoner Stadtbezirk Bethnal Green ankomme. Bethnal Green gehört zu den ärmsten Verwaltungsregionen des Landes.

Barber mahnte die Regierung zu strafferen Regelungen: Der lukrative Zweig der Finanzwirtschaft agiere "praktisch ohne jede Einschränkung". Allzu oft seien "amoralische Aufkäufer lukrativer Vermögenswerte" am Werk: "Kasino-Kapitalisten erhalten riesige Bonuszahlungen, während sie mit der Zukunft anderer Menschen Roulette spielen."

Der TUC arbeitet an einem Ratgeber für rund 1000 Gewerkschaftsmitglieder, die als Treuhänder die Investitionsentscheidungen von Pensionsfonds im Gesamtwert von 300 Mrd. Pfund (447 Mrd. Euro) mitbestimmen. "Wir werden sie dazu aufrufen, sehr genau zu prüfen, ob Investitionen in Private-Equity-Firmen gerechtfertigt sind", kündigte Barber an. (Sebastian Borger, London, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.2.2007)

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