Getarnte Umweltsünden

6. März 2007, 16:52
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Mit zulackierten Berghängen werden in China Umweltsünden kaschiert: Aus Angst um die Wirtschaft weigert sich die Regierung, klimaschädigende Schadstoffe zu reduzieren

Privatunternehmer Du färbte in Südwestchinas Provinz Yunnan mit Lackfarbe einen nicht mehr aufforstbaren Berghang "umweltfreundlich" grün. Als ihn Journalisten zur Rede stellten, behauptete der Geschäftsmann, er folge dem Rat eines Wahrsagers. Der von einem Steinbruch verunstaltete Berg sei Grund für seine schlechten Geschäfte. Umweltklimatisch gesehen sorge er für negatives "Fengshui".

Dorfbewohner, die jetzt gegen den Riesenschandfleck protestierten, verdächtigen auch lokale Forstbehörden hinter der Anstreichaktion. Sie wollten ihre Umweltbilanz gegenüber Vorgesetzten verbessern.

Die Episode wäre als Einzelfall nur komisch. Grün lackierte Berghänge entdeckten Reporter aber auch in anderen Provinzen. Verschleiern hat in China Tradition, wenn es um die Beseitigung von Umweltschäden geht. Selbst in Peking ließ einst die Stadtverwaltung für ihre Bewerbung um die Austragung der Olympischen Spiele 2008 verwelkte Grasflächen auf den Tiananmen-Platz mit grüner Farbe ansprühen, um die IOC-Juroren zu beeindrucken.

Umweltsünden zu kaschieren halten Funktionäre für legitime Mittel, um die Wirtschaft auf Wachstumskurs zu halten. Als in Davos und in Paris Staatsführer und Klimaexperten zum sofortigen Handeln gegen Treibhausgase aufriefen, fühlten sich weder die USA noch China angesprochen. Peking verwahrte sich dagegen, eine Hypothek mit abzahlen zu müssen, die von Industriestaaten aufgenommen worden war.

Für die staatlichen Medien war daher die "Globale Erwärmung" kein Thema. Nur die mutige finanzpolitische Zeitschrift Cai Jing traute sich zur Titelgeschichte über die "Klimakrise". Sie stellte fest, "wie nervös unsere Staatsbeamten und Staatsforscher reagieren. Sie befürchten, dass die neuen Warnungen sie zu Reduktionszielen zwingen, die der Wirtschaft schaden".

Unerfüllte Pläne

Die Aufforderung an China, mehr zu tun, kommt aber auch von innen. Aufgeklärte Umweltpolitiker messen ihr Land an seinen nicht eingehaltenen freiwilligen Versprechungen. Bis 2010 zum Beispiel solle der Energieverbrauch zur Erwirtschaftung des Bruttoinlandsprodukts um 20 Prozent gesenkt werden, versprach die Pekinger Führung. Schon im ersten Jahr des neuen Fünfjahresplans (2006 bis 2010) gestand sie ein, dass sie das Einsparziel nicht einmal zur Hälfte erfüllen konnte.

China, das mehr als 70 Prozent seiner Energie aus Kohle gewinnt, kommt nicht nur auf einen Anteil von 15 Prozent an den weltweiten CO2-Emissionen. Seine schwefelhaltige Kohle schlägt sich auch in sauren Regen nieder, der sogar über Nachbarländer wie Japan zieht.

Aufgeklärte Pekinger Beamte kommen trotz radikaler Ankündigungen und Gesetzesvorhaben nicht dagegen an. Vize-Umweltminister Pan Yue, der die Berechnung des Wirtschaftswachstums unter Einbeziehung aller Umweltkosten durchsetzen will, kämpft wie Don Quichotte gegen Windmühlen. Einige der von ihm zum "grünen GDP" (Gross domestic product =Bruttosozialprodukt) überredete Provinzen stiegen aus dem Programm wieder aus.

Der Volksmund macht sich seinen Reim darauf. Für die englische Abkürzung "GDP" verwenden die Bürger "Ji de pi", schrieb die Pekinger Abendzeitung. Die ähnlich ausgesprochenen Schriftzeichen bedeuten "mit aller Kraft furzen". (Johnny Erling/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 2. 2007)

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    Mit grün lackierten Berghängen wird in China versucht, Umweltsünden zu kaschieren. Klimaschutz ist nicht sehr gefragt.

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