Schweißnaht in Regierung brüchig

2. März 2007, 10:46
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Wirtschaftsminister will an der Verordnung festhalten, die Metallarbeiter ins Land bringen soll - Kanzler ist dagegen

In Sachen Fachkräftemangel sind Rot und Schwarz in der Regierung alles andere als gut verschweißt: Der Wirtschaftsminister will an der Verordnung festhalten, die Metallarbeiter ins Land bringen soll. Der Kanzler ist dagegen und fordert innerösterreichische Maßnahmen.

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Wien – Wirtschaftsminister Martin Bartenstein will auf jeden Fall am Pilotprojekt festhalten, das ab April in den Berufsgruppen Schweißer, Dreher und Fräser vorzeitig den Arbeitsmarkt für rund 800 Fachkräfte aus den neuen EU-Ländern öffnen soll. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer hatte zuletzt das Modell abgelehnt.

Bartenstein, VP-Senior in der Regierung, betonte am Montag bei einem Pressegespräch anlässlich des Besuchs der Schweizer Bundesrätin Doris Leuthard in Wien (siehe unten), er befinde sich „auf der Basis des Regierungsprogramm“ und habe die jetzt umstrittene Passage „persönlich mit Kanzler Gusenbauer ausverhandelt“ und mit den Sozialpartnern am 14. Februar noch einmal besprochen. Der Zeitplan für die entsprechende Verordnung hänge nun aber „nicht von ein paar Tagen“ ab, die Regierungsklausur am kommenden Freitag und Samstag in Linz werde jedenfalls noch abgewartet. Christine Marek, VP-Staatssekretärin für Arbeit, kündigte an, weitere Verhandlungen mit den Sozialpartnern führen zu wollen.

In VP-Kreisen ist man verärgert über die jüngsten Kanzler-Attacken gegen die Bartenstein-Pläne. Man habe der _Gewerkschaft zugestanden, dass die Schlosser nicht in die Öffnungspläne aufgenommen werden, da das Berufsbild sehr weit gefasst werden könnte, was die gesamte Metallerbranche zu sehr unter Lohndruck bringen hätte können. Das Kabinett von Alfred _Gusenbauer konkretisierte am Montag indessen die Forderungen nach einer „Mobilitätsprämie“ für Facharbeiter, die bereit wären, einen Umzug für einen neuen Job in Kauf zu nehmen. Diese Prämie sei mehr als die seit eineinhalb Jahren existierende „Entfernungszulage“, nämlich eine „Unterstützung bei einer freiwilligen Übersiedlung für eine Jobannahme“.

Der Facharbeitermangel (siehe Grafik links) ist regional sehr unterschiedlich ausgeprägt, im Westen Österreichs gibt es tendenziell mehr offene Stellen als Arbeitssuchende, im Osten ist es umgekehrt. Dies belegen Zahlen des Arbeitsmarktservice (AMS). Die Gewerkschaft schiebt den Ball an die Industrie zurück: „Der Facharbeiter_mangel ist zu einem großen Teil auf einen sinkenden Ausbildungs_grad zurückzuführen. Die Industrie bildet einfach zu wenige Lehrlinge in den betroffenen Berufsgruppen aus“, sagt Nani Kauer von der Gewerkschaft für Metall, Textil und Nahrung zum Standard. In der Maschinenbau- und Metallindustrie gebe es in Österreich 170.000 Beschäftigte und nur 6000 Lehrlinge (Grafik oben). In der Fahrzeugindustrie sei das Verhältnis nur etwas besser (37.000 Beschäftigte, 1800 Lehrlinge).

Obwohl die Nachfrage das Angebot übersteige, sei auch das Image der Lehrberufe nicht das Beste, gibt die Gewerkschaft zu – eine Informationskampagne soll dies nun ändern. (Leo Szemeliker, Jürgen Pucher/ DER STANDARD, Printausgabe, 27.2.2007)

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