Apotheker wollen "erweiterte Gesundheitsdrehscheibe" werden

20. Juni 2007, 12:32
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Kammerpräsident Burggasser: Internet-Versandhandel mit Arzneimitteln gefährlich - Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer in Saalfelden

Saalfelden - Stürmische Zeiten für die Österreichische Apothekerschaft: Drogeriemärkte wollen rezeptfreie Arzneimittel verkaufen, manche Ärztekammerfunktionäre fordern das Dispensierrecht für Medikamente, die EU verdächtigt die österreichischen Regelungen für die Gründung und den Betrieb von Apotheken der Vertragsverletzung. Die potenziell Betroffenen setzen vor allem auf Service-Erweiterung und Arzneimittelsicherheit. "Wir wollen eine erweiterte Gesundheitsdrehscheibe sein und werden noch mehr Beratungskompetenz der Bevölkerung zur Verfügung stellen", sagte der Präsident der Österreichischen Apothekerkammer, Heinrich Burggasser, aus Anlass der in Saalfelden in Salzburg begonnenen wissenschaftlichen Fortbildungswoche der Kammer.

Kongress

Der Kongress (bis 2. März) befasst sich in seiner 40. "Ausgabe" mit den Themen Hormone bzw. Endokrinologie. Traditionellerweise ist die Tagung mit heuer mindestens 400 Teilnehmern auch eine Möglichkeit zur Diskussion standespolitischer Fragen.

Arzneimittelsicherheit

Gegen die Begehrlichkeiten anderer Handelskanäle im Gesundheitsbereich und gegen die Forderungen aus der Ärzteschaft, Arzneimittel an die Patienten auch außerhalb der ärztlichen Hausapotheken abgeben zu dürfen, wollen sich die Apotheker jedenfalls zur Wehr setzen - mit Sachkompetenz. Burggasser: "Was wir in den Mittelpunkt stellen, sind die Arzneimittelsicherheit, die Förderung der Compliance (Zuverlässigkeit der Einnahme verschriebener Arzneimittel durch die Patienten, Anm.) und die Verhinderung von Nebenwirkungen. Hier bieten wir mit dem 'Arzneimittelsicherheitsgurt' eine zukunftsweisende Entwicklung an."

Dieses Sicherheitssystem bietet Patienten auf freiwilliger Basis die Möglichkeit, vom Apotheker die gesamten rezeptfrei gekauften oder vom Arzt verschriebenen Arzneimittel elektronisch erfassen zu lassen. Potenzielle Probleme können so frühzeitig erkannt werden. Hinzu kann gezielt über die richtige Anwendung informiert werden. Derzeit wird das System im Bundesland Salzburg ziemlich flächendeckend etabliert. Die Umsetzung ist auch im Regierungsprogramm erwähnt.

Vertragsverletzung?

Zur Abwehr des EU-Vertragsverletzungsverfahrens - die Kommission sieht unter anderem im Verbot der Eigentümerschaft von Apotheken durch Kapitalgesellschaften, im Verbot der Kettenbildung und im Abhängigmachen der Neugründung von Apotheken von der Zahl der regional zu versorgenden Menschen die Regelungen der Gemeinschaft verletzt - setzt der Kammerpräsident auf die Mobilisierung einer ganzen Reihe von EU-Mitgliedsländern: "Auch Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland haben solche Regelungen. Wir müssen sehen, dass sich diese Länder auch zu wehren beginnen. Die muss man eben aufwecken." Die EU greife hier nationale System der Gesundheitsversorgung an.

Medikamente über das Internet

Zu warnen sei auch vor dem Internet-Versandhandel von Arzneimitteln. Burggasser: "Da ist jedes zehnte Medikament gefälscht - im besten Fall ist kein Inhaltsstoff drinnen, im schlimmen Fall ist es gefährlich." Und dann wollen sich auch DM und andere Drogerie-Ketten eine Scheibe vom Arzneimittelgeschäft abschneiden. Der Kammerpräsident: "DM versucht nur, seine Gewinne zu maximieren. Da geht es nicht um die Patienten." Die Abgabe von Arzneimitteln über diese Kanäle sei einfach "unvertretbar". (APA)

  • Die Apotheker wehren sich gegen den Vorwurf der Vertragsverletzung und warnen erneut vor Arzneimitteln aus dem Internet
    foto: derstandard.at/lichtl

    Die Apotheker wehren sich gegen den Vorwurf der Vertragsverletzung und warnen erneut vor Arzneimitteln aus dem Internet

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