Pressestimmen: "Grundlegendes Problem des großen Europas"

2. März 2007, 12:38
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Tages-Anzeiger: "Droht er nicht an der Unvereinbarkeit kommunistischer und katholischer Ideale zu zerbrechen?"

London/Moskau/Zürich (APA/dpa) - Zur Regierungskrisen in Italien schreibt die internationale Presse am Montag:

"Financial Times" (London):

"Es ist nicht Romano Prodis erster Abtritt als italienischer Premierminister. Im Oktober 1998, zweieinhalb Jahre nach seiner ersten Amtszeit als Premier, trat er nach einer verlorenen Abstimmung ab. Damals wurde, so wie es diesmal wahrscheinlich ist, eine neue Mitte-Links-Regierung zusammengeschustert, doch Italiens Politiker müssen sicherstellen, dass jede Koalition wirksam arbeiten kann. (...) Die langfristige Bestrebung nach einer größeren Stabilität und einem freien Zwei-Parteien-System in der italienischen Politik ist ungebrochen."

"Kommersant" (Moskau):

"Die Abneigung im italienischen Parlament gegen US-Präsident George W. Bush hat Ministerpräsident Romano Prodi zu spüren bekommen. Die Regierungskrise in Italien spiegelt ein grundlegendes Problem des großen Europas wider. Es geht um die innere Spaltung im Verhältnis zum Verbündeten USA. Das 'neue Europa' aus Polen und Tschechien zeigt seine Ergebenheit gegenüber Washington mit dem Truppenverbleib im Irak und der Bereitschaft zur Stationierung von Raketenabwehrtechnik.

Dagegen tut das 'alte Europa' alles, damit seine Politik nicht in den Verdacht gerät, pro-amerikanisch zu sein. Ist unter solchen Bedingungen eigentlich noch eine gemeinsame Außenpolitik des großen Europas möglich? Die italienische Regierungskrise hat gezeigt, dass das Land ein Opfer der globalen Anti-Terror-Kampagne geworden ist."

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Der Zeitpunkt von Prodis Sturz kam für alle überraschend. Er offenbarte die Schwäche seiner heterogenen Koalition zum ersten Mal auch zahlenmäßig. Prodi schaffte es nun zwar, seine Alliierten auf ein neu adjustiertes Kurzprogramm einzuschwören und ihnen einen Treueschwur abzuringen. Fürs Vertrauen sollte das auch reichen. Aber danach? Übersteht der Pakt eine Abstimmung über die Mission in Afghanistan? Droht er nicht bei jeder gesellschaftspolitischen Frage an der Unvereinbarkeit kommunistischer und katholischer Ideale zu zerbrechen? Prodi hat Glück. In seiner eigenen Krise spiegelt sich auch jene der Opposition und von deren Leader, Silvio Berlusconi. Der spielte eine erstaunlich defensive Rolle." (APA)

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