In Schwindel erregenden Höhen

26. Juli 2007, 12:54
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Für Trekking-Touristen beginnt jetzt die Reisezeit - Viele vergessen das Höhentraining, um in der Ferne die Höhenkrankheit abzuhalten

Die Bewohner der ladakhischen Hauptstadt Leh im indischen Transhimalaja erkennen Touristen, die gerade erst angekommen sind. Es sind jene, die sich besonders schwerfällig durch die Gassen schleppen. Man begrüßt sie freundlich, aber immer auch ein bisschen spöttisch. Leh liegt auf 3500 Meter Seehöhe, bei der Ankunft bleibt den Touristen nach der anstrengenden Reise gleich einmal die Luft weg, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Keine Zeit für Höhenanpassung

Der "Alpintourismus" boomt, immer mehr Trekker aus aller Welt buchen Reisen zum Himalaya, zum Kilimandscharo oder in die Anden. Weil die Zeit auch im Urlaub meist knapp bemessen ist, wird auf die nötige Höhenanpassung meistens kein Wert gelegt. Oft ist es schlicht auch Unwissenheit. Städte wie Ladakh, Quito oder La Paz liegen extrem hoch, die "Einstiegshöhe" wird unterschätzt.

Wirklich gefährlich Mehr als die Hälfte der Touristen, die im bolivianischen La Paz auf fast 4000 Meter ankommen, werden höhenkrank, manche sogar mit Anzeichen eines Höhenlungenödems, das dringend ärztliche Behandlung erfordert. Ein anderes Beispiel: "Über 50 Prozent der Kilimandscharo Besteigungen scheitern an der schlechten Vorbereitung, dem zu schnellen Anstieg und den schlecht ausgebildeten lokalen Guides, die die Höhenkrankheit nicht rechtzeitig erkennen.

Nirgendwo absteigen

"Wir arbeiten daher immer mit ausgebildeten Bergführern", erklärt Herbert Laserer von der Bergsteigerschule Laserer alpin. Robert Wolf vom Reiseveranstalter "Weltweitwandern" weiß: "Die größten Probleme haben die Leute in Tibet auf den Hochebenen, weil man sich dort fast immer auf einer Höhe von 4000 Metern befindet und bei den ersten Symptomen der Krankheit nirgendwohin absteigen kann."

Große Höhen beginnen bei 2500 Meter

Ganz grundsätzlich werden in der Höhenmedizin drei Bereiche unterschieden: Für mittlere Höhen von 1500 bis 2500 Metern ist Akklimatisation nicht erforderlich, essenziell wird sie zwischen 2500 und 5300 Metern, den so genannten großen Höhen, in denen es darum geht, die dort drohende Höhenkrankheit zu verhindern. Als extreme Höhen gelten jene ab 5300 Metern, jenen Sphären, die für den Menschen feindlich sind und wo eine Akklimatisation niemals möglich ist.

Symptome bei Sauerstoffmangel

Die Höhenkrankheit selbst wird durch den Sauerstoffmangel ab 2500 Metern verursacht. Die Symptome: Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Schwindel. Lebensbedrohend kann dieser Zustand ab 3500 Metern werden, wenn Gehirn- oder Lungenödeme auftreten. Im schlimmsten Fall endet es in Koma und Tod.

Fitness hilft nicht Alter, Geschlecht oder körperliche Fitness haben übrigens keinen Einfluss auf die individuelle Höhenverträglichkeit, verantwortlich sind genetische Faktoren. Die Höhentauglichkeit lässt sich aber in Höhentrainingszentren durch einen Hypoxietest herausfinden. Ebenfalls aufschlussreich kann ein Intervall-Hypoxie-Training sein.

Dabei wird durch eine Maske sauerstoffärmere Luft eingeatmet; so wird der Körper bereits zu Hause langsam auf die Höhe vorbereitet. Und zum Abschluss gibt es maßgeschneiderte Tipps zur bestmöglichen Akklimatisation.

Grundsätzliche Regeln

Ganz generell sollten Trekkingtouristen aber immer ein paar grundsätzliche Regeln einhalten, etwa niemals mit Rekordanspruch am ersten Tag Sehenswürdigkeit abhaken wollen, Aufstiege in größere Höhen langsam und schrittweise planen, pro Tag nicht mehr als 600 Höhenmeter bewältigen, nach drei Steigungstagen einen Ruhetag einlegen, täglich zwei bis drei Liter Flüssigkeit trinken.

Ein weniger bekannter Tipp

Nach der Ankunft am Schlafplatz ist es nach kurzer Rast empfehlenswert, vor dem Schlafengehen noch 100 bis 200 Meter ohne Gepäck aufzusteigen, das fördert die Akklimatisation. Bei Symptomen von Gehirn- oder Lungenödem müssen Kranke sofort wieder nach unten transportiert werden. Ist das nicht möglich, ist "Certec Bag", ein Überdrucksack mit zwei Meter Länge und 65 cm Durchmesser, eine gute Sache.

Er simuliert durch eine Erhöhung des Kammerinnendrucks eine geringere Höhe, und Patienten, die darin zwei Stunden verbracht haben, fühlen sich besser.

Der große Nachteil

Bei vielen Trekkingtouren ist dieses Gerät bereits Standardausrüstung. Es wiegt sieben Kilogramm, ist teuer, und ein Abtransport des Patienten in dieser Kammer ist praktisch unmöglich. Eine mobilere Alternative könnte der von der Uni-Klinik Innsbruck entwickelte Thin-Air-Rescue(TAR)-Helm sein, der nach dem selben Prinzip funktioniert, aber praktischer für Expeditionen ist. Am einfachsten ist es immer noch, sich rechtzeitig in spezialisierten Instituten vorzubereiten und vor Ort die höhentaktischen Regeln einzuhalten.

Selbst die Bewohner von Leh müssen, wenn sie von einem längeren Aufenthalt in Delhi oder ähnlich niedrig gelegenen Orten zurückkehren, ein bis zwei Tage Ruhe geben, um sich wieder an die dünne Luft zu gewöhnen. (Martin Grabner/MEDSTANDARD/26.02.2007)

  • Trekking-Touristen in Ladakh tun gut daran, höhentaktische Regeln einzuhalten: ankommen und eingewöhnen, Routen vernünftig planen, langsam aufsteigen, Ruhetage einlegen und viel trinken.
    foto: ulrike stocker

    Trekking-Touristen in Ladakh tun gut daran, höhentaktische Regeln einzuhalten: ankommen und eingewöhnen, Routen vernünftig planen, langsam aufsteigen, Ruhetage einlegen und viel trinken.

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