Spuren im Sand der "Fünften Welt"

6. März 2007, 13:58
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Grandioser Vortrag: Raoul Schrott las im Burg-Kasino

Wien - Die Reise geht zu einem weißen Flecken auf der Weltkarte. Solche gibt es auch in Zeiten von Google Earth: Kein Bericht, kein Foto noch hat das Gebiet im Länderdreieck von Tschad, Sudan und Libyen dokumentiert, in das sich der Tiroler Autor Raoul Schrott zusammen mit einer wissenschaftlichen Expedition und einem Kamerateam des ZDF aufgemacht hat.

Die Bewegung weg von der so genannten Zivilisation und von den Menschen hin zum Staub erfolgt schichtweise. Die Millionenstadt N'Djamena im Tschad, in der sich junge Frauen mit einer Selbstverständlichkeit anbieten, wie sie nur aus drückender Armut heraus entstehen kann, dient als Ausgangspunkt. Von dieser Dritten Welt führt der Weg des Trosses über die Vierte Welt der Nomaden zur Fünften, die hinter einem verlassenen Fremdenlegionärsfort beginnt. Die Fünfte Welt. Ein Logbuch heißt denn auch Raoul Schrotts Bericht von dieser Erkundungsreise, der kürzlich im Haymon Verlag erschienen ist. Am Freitag wurde er im Burgtheater-Kasino am Schwarzenbergplatz bei einer Lesung und einem Gespräch mit Standard-Redakteur Stefan Gmünder präsentiert.

Seinen Fuß dorthin setzen, wo vielleicht noch nie zuvor jemand war, das lässt im Berichterstatter Schrott streckenweise einen romantischen Entdeckergeist erwachen: Wird man im unzugänglichsten Teil der Sahara ein unberührtes Nichts vorfinden, auf Spuren stoßen oder gar auf "die eigentliche Erde", "die Quintessenz einer Realität hinter jedweder humaner Oberfläche"?

In den meisten Passagen erweist sich der Autor jedoch als erfreulich nüchterner Beobachter seiner Umgebung: von Menschen, die bis zur nächsten Wasserstelle 70 Kilometer wandern müssen; vom ungerechten Handel zwischen Europa und Afrika; von Spuren im Sand, die auch der letzte Winkel der Fünften Welt noch aufweist; von jenen des Klimawandels; und von der schleichenden Persönlichkeitsveränderung, die sich unter extremen Bedingungen vollzieht.

Vermutlich könnte Raoul Schrott, der zurzeit in Irland lebt, aber auch aus dem Telefonbuch seiner Heimatstadt Landeck vorlesen, das Publikum würde immer noch an seinen Lippen hängen. Wie schon H. C. Artmann beeindruckt feststellte, ist dieser Autor grandios im Vortrag, egal ob er nun liest oder im zwanglosen Plauderton Anekdoten erzählt. Schrott erkundet das Fremde nicht nur für sich, er will es mitteilen. Man möge das Licht aufs Autorenpult bitte zurückdrehen, sagte er am Beginn des Abends. Er wolle den Leuten etwas vorlesen, nicht dem Dunkel. (Sebastian Fasthuber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 2. 2007)

  • Artikelbild
    foto: christian fischer
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