Die Stunde der Rechenspiele

2. März 2007, 12:38
posten

Prodi rüstet sich für die "Mutter aller Schlachten", die Vertrauensabstimmung am Donnerstag - Beide Lager machen Jagd auf unentschlossene Senatoren - mit Infografik

Die Koalition des italienischen Premierministers Romano Prodi rüstet sich für die "Mutter aller Schlachten", die Vertrauensabstimmung am kommenden Donnerstag. Bei der Jagd auf unentschlossene Senatoren zeigen sich die politischen Lager wenig zimperlich.

* * *

Wenn Rita Levi-Montalcini am Mittwoch von einem Kongress in Dubai zurückkehren wird, wird der 98-jährigen Nobelpreisträgerin kaum Zeit zur Erholung vergönnt sein. Bei dem Versuch, den italienischen Premierminister Romano Prodi vor dem politischen Untergang zu retten, ist die Stimme der prominenten Medizinerin schon fest eingeplant. Auch Montalcinis Kollege Oscar Luigi Scalfaro wird in den Palazzo Madama beordert. Dass der 87-jährige Senator auf Lebenszeit mit Fieber im Bett liegt, spielt in den politischen Planungen ebenfalls nur eine untergeordnete Rolle.

Seit Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano Romano Prodis Rücktritt abgelehnt und ihn ans Parlament verwiesen hat, rüstet das Linksbündnis im Senat für die "Mutter aller Schlachten": die entscheidende Vertrauensabstimmung am Donnerstag. Seit Tagen machen Ulivo-Senatoren im ehrwürdigen Palast nahe der Piazza Navona Jagd auf Unentschlossene und mögliche Überläufer.

"Düsteres Kapitel"

Im Kampf um jede Stimme zeigen sich beide Seiten nicht zimperlich. "Ein Verräter!", wettert Oppositionsführer Silvio Berlusconi über den prominenten Christdemokraten Marco Follini, der Prodi seine Unterstützung zugesagt hat.

Der "skandalöse Stimmenkauf" stelle ein "düsteres Kapitel"in der Geschichte der italienischen Demokratie dar, ärgert sich der Ex-Premier.

Der Meistgejagte unter den Senatoren ist nach Buenos Aires geflüchtet. "Mein Handy schrillt ununterbrochen", klagt der 70-jährige Luigi Pallaro, der gegen den Premierminister stimmen will. Der Italoargentinier gehört zu den Grenzgängern des Parlaments und schlägt sich einmal auf die rechte und dann wieder auf die linke Seite. Er achtet vor allem auf die ihm gebotene Gegenleistung.

Marktwert im Senat

Auch für seinen Kollegen Sergio De Gregorio ist der Senat ein Ort, an dem Angebot und Nachfrage den Marktwert bestimmen. Dass sich der süditalienische Ulivo-Senator mit dem Vorsitzen des Verteidigungsausschusses kaufen ließ, findet er nicht weiter verwerflich. Nun will er erneut gegen Prodi stimmen.

Ganz anders Franco Turigliatto. Der stramme Kommunist, der Prodis Sturz mitverursacht hat, sieht keinen Grund zur Selbstkritik. Fabrikarbeiter in seiner Heimatstadt Turin hätten ihm " ein solides Rückgrat" bescheinigt.

Die Meister der Rechenspiele führen den roten Senator, gegen den ein Parteiausschlussverfahren läuft, auf der Liste der 161 sicheren Ja-Stimmen. Für Turigliatto selbst steht das allerdings noch keineswegs fest. Er ziert sich und meint: "Ich muss mir das gründlich überlegen."

Und was ist mit Giulio Andreotti und Sergio Pininfarina, den beiden Senatoren auf Lebenszeit, deren Enthaltung Prodi den Kopf kostete? Beide verweigern die Auskunft, wie sie sich am Donnerstag verhalten werden.

Zum Frohlocken

Es ist gut möglich, dass sie der Abstimmung fern bleiben werden. Dennoch sieht Piero Fassino Grund zum Frohlocken: "Die Mehrheit ist gesichert. Auch ohne Senatoren auf Lebenszeit", freut sich der Parteichef. Auch Premierminister Prodi findet nach dem Gezänk im Bündnis wieder Anlass zur Genugtuung: "Der Zusammenhalt in meiner Koalition ist fester denn je." (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, Printausgabe 26.2.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Romano Prodi beim Verlassen des Quirinalspalastes in Rom, wo er sich mit Staatspräsident Giorgio Napolitano über die jüngste Regierungskrise beraten hat.

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.