Tanzen für die Zielgruppe

25. Februar 2007, 18:25
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Heftiger Applaus: Die Starchoreografen Akram Khan und Sidi Larbi Cherkaoui bringen ihr Stück "zero degrees" ins Wiener Tanzquartier

... und bedienen mit dieser Kooperation erfolgreich zahlreiche Mechanismen der Kundenzufriedenheit.

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Wien - Es ist heiß und stickig in dem überfüllten Zug, und an der Grenze nehmen sie dir auch noch den Pass weg. Du willst ihn zurück und gerätst in Rage. Der Beamte beobachtet dich. Unter seinem Blick verwandelt sich deine Wut in Angst. Die beiden jungen Starchoreografen Akram Khan und Sidi Larbi Cherkaoui verankern in ihrer ersten künstlerischen Zusammenarbeit, "zero degrees", die das Tanzquartier Wien gerade in der zweimal rappelvollen Halle E des Museumsquartiers präsentierte, eine unheimliche Geschichte.

Die Fahrt soll weitergehen, so erzählen Khan und Cherkaoui, die selbst auf der Bühne stehen, aber jemand ist im Zug gestorben, nun liegt die Leiche da, und was jetzt? So weit bleibt die Story, die von den beiden in Abschnitten vorgetragen wird, offen und spannend. Doch am Ende wird Khan sagen, dass er endlich aus dem Zug will und in ein Hotel mit dem gewohnten westlichen Komfort, mit Bad und TV und MTV. Bei "MTV" lacht das Publikum kurz auf. In dem Lachen liegt Wiedererkennen. Spätestens ab diesem Augenblick steht die Geschichte als Stereotypenschleuder da: Der "Osten" ist Chaos, der "Westen" ist MTV.

Sowohl Akram Khan, ein Brite mit bengalischer Familie, als auch Cherkaoui, ein Flame mit marokkanischen Wurzeln, spielen in ihren Arbeiten stets die interkulturelle Karte. Khan ist mit einer Mischung aus indischem Kathak-Tanz und westlichen Modernismen bekannt geworden.

Alle berühmt

Aber auch durch clevere Politik: Er kooperiert nur mit Berühmtheiten wie Anish Kapoor, Hanif Kureishi oder jetzt mit dem bildenden Künstler Antony Gormley. Auf seiner Website zelebriert sich der Künstler als schummriger Priester der mystischen Geste.

Sidi Larbi Cherkaoui ist früher gern in Varietés und TV-Shows umhergesprungen, arbeitete später für Alain Platel, dessen Spuren in Werken wie "Foi" und "Tempus Fugit", die das Jungtalent populär gemacht haben, deutlich zu sehen sind. Versehen jedoch mit einem ganz gezielten Pathos, einem kalkulierten Spiel mit den Emotionen der Zuschauer. Und da fügen sich die Intentionen der beiden Künstler nahtlos aneinander.

Das Ergebnis dieser Passgenauigkeit, "zero degrees", ist an neuralgischen Punkten des westlichen Gegenwartsbefindens verankert: mit seinen Appellen an das Seinsgeheimnis und das einfache Empfinden, an Schönheit und Virtuosität, an Tiefe und Leichtigkeit. Diese milde Mischung kommt auf reichlich Gemütsgewicht daher, das mit einem entspannenden Schuss Humor aufgespritzt wird. Die integrierten interkulturellen Versatzstücke reichen aus, um Relevanz zu signalisieren. Unter vielen Finten und kokettem Geplänkel mit Bühneneffekten tut sich in dem vom Feuilleton hastig hochgejubelten Werkchen ein Hohlraum auf.

Khan bedient nur bereits verbratene Mechanismen, Cherkaoui singt hebräisch, obwohl diese Referenz nicht in den Kontext passt, und eines der effektvollen Schattenspiele ist keck einer Keersmaeker-Arbeit entwendet. Die beiden Latexpuppen von Antony Gormley, die auf der Bühne liegen oder stehen, hätten Cherkaoui und Khan zu denken geben müssen. Zumindest in Bezug auf den darstellerischen Input, wenn schon nicht in ihren zeichenhaften Bedeutungen und repräsentatorischen Möglichkeiten.

Wichtiger war den beiden aber, durchscheinen zu lassen, dass man es hier mit zwei Virtuosen zu tun hat, die sich bescheiden zurücknehmen. Das wirkt sympathisch, so wird die Zielgruppe optimal angebunden. Bewundernswert: "zero degrees" enthält genau jenes Maß an Hochleistungsmediokrität, das es braucht, um fast alle Kunden zufriedenzustellen. Diese haben diese intelligente Verpackung von gar nichts gerne beklatscht. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 2. 2007)

  • Die Puppe war Zeuge: Die Begegnung zwischen zwei prominenten Choreografen, zwischen Akram Khan (Bild) und Sidi Larbi Cherkaoui, glänzte vor allem durch intelligente Verpackungskünste.
    foto: tanzquartier

    Die Puppe war Zeuge: Die Begegnung zwischen zwei prominenten Choreografen, zwischen Akram Khan (Bild) und Sidi Larbi Cherkaoui, glänzte vor allem durch intelligente Verpackungskünste.

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