Alex Gopher: "Alex Gopher"

20. März 2007, 12:43
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Adieu Avantgarde und hello Pop: Den französischen Tausend­sassa hat die Lust am Lieder­schreiben gepackt - die Kumpels von Air helfen mit

Wenn man nach fast 20 Jahren vielfältiger Tätigkeit im Musikgeschäft ein Album herausbringt, das als Titel einfach nur den eigenen Namen trägt, dann scheint das zu verkünden: Das bin ich. Das ist die Musik, die ich schon immer machen wollte. - Möglich. Vielleicht aber auch nur eine weitere Phase. Wichtig ist im Grunde eh nur, dass "Alex Gopher", an der Schnittstelle von Pop und Dancefloor, einerseits eindeutig nach französischer Produktion klingt und andererseits stark an die Talking Heads und New Order erinnert. Und mit "Carmilla" und "Brain Leech" zwei der besten Stücke in Sachen Gitarren-Disco enthält, die in letzter Zeit so erschienen sind.

Tour ...

Aber so ganz nebenbei schließt sich damit auch ein Kreis, der zu einer Zeit geöffnet wurde, als Gymnasiastinnen noch Schulterpolster wie Footballspieler trugen und sich damit paradoxerweise unbeschreiblich weiblich vorkamen. Musik-Europa staunte damals gerade über die unvermutet losgebrochene und bald wieder abflauende Erfolgswelle französischen Pops. Zwischen den Säulenbeinen kurzfristiger Megaseller (Les Rita Mitsouko, Guesch Patti, Desireless) tummelte sich aber schon das Anfangsstadium einer neuen und nachhaltigeren Generation von Franko-Poppern.

Orange hieß eine dieser Keimzellen nahe Paris: eine Indie-Band, zu der Alex Latrobe (alias Alex Gopher) sowie Nicolas Godin und Jean-Benoit Dunckel gehörten - letztere gründeten nach dem Orange-Split die Band Air. Alex hingegen setzte auf Vielfalt: In den 90ern wurde er als Labelbetreiber, Produzent und DJ zu einem integralen Bestandteil der französischen Dancefloor-Szene. Eigene Platten brachte er nicht allzuviele heraus, die fuhren mit ihrer eigenständigen Mischung aus House, Electronica und sehr viel Funk aber gehörig Renommee ein; "Child" vom 1999er Album "You, My Baby And I" wurde dank Billie Holiday-Sample und eines sensationellen Videos sogar zum internationalen Hit.

... retour

2007 aber geht's vom Dancefloor runter und in den Pop (wenn auch die Hälfte der Stücke auf dem neuen Album sehr gut tanzbar ist): Gopher hat veritable Songs geschrieben, mit Texten, Strophen, Refrains und allem, was so dazugehört. Olivier Libaux von Nouvelle Vague spielt die Gitarre - mal akustisch, mal verstärkt - und Produzent Etienne de Crecy hat dafür gesorgt, dass die Gitarre auch weit genug in den Vordergrund gerückt wurde. Weshalb das Album eben sehr viel mehr nach den schon genannten Talking Heads oder New Order klingt als nach dem, was Gopher in den vorangegangenen Jahren gemacht hat. Fans dieser Periode werden also gelinde gesagt überrascht sein.

Und noch jemand wurde wieder ins Boot geholt: Dunckel und Godin alias Air - ein Einfluss, der vor allem in den langsameren Stücken wie "Isn't It Nice", "5000 Moons" oder "Boulder Colorado" hörbar wird. Da klingelt das Keyboard wie ein Tischglöckchen, wird artiger Mehrstimmengesang gepflegt und steigen ultra-Air-typische Synthieharmonien wie Leuchtgaswolken auf, um eventuelle Leerstellen zu füllen.

... soll heißen: zwischendurch wirds auch mal ganz schön kitschig. Aber nicht dauerhaft, denn spätestens zwei Nummern weiter gibt der nächste Funkkracher Gas. Und das ist dann die eigentliche Ironie an der Musikgeschichte: Dass Orange sich seinerzeit auflösten, weil Dunckel und Godin Pop machen wollten, während Gopher erst mal Lust am Experimentieren hatte. Im Moment ist's aber er, der durch seinen Wechsel zwischen elegischen und rasanten Stücken im Direkt-Vergleich zu Air den lebendigeren Pop macht. Wer auf den Rummelplatz geht, möchte schließlich nicht nur Zuckerwatte naschen, sondern auch mal Achterbahn fahren. (Josefson)

  • Alex Gopher: "Alex Gopher" (Go 4 Music/edel 2007)
    coverfoto: go 4 music

    Alex Gopher: "Alex Gopher" (Go 4 Music/edel 2007)

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