Gottes jüngste Firma

8. März 2007, 11:25
9 Postings

Auf der Internet-Seite YouTube bekommt jeder seine Chance - Auch junge Filmemacher wie Francis Stokes können sich hier profilieren

Drei Jahre ist Francis Stokes mit seinem ersten Spielfilm von Festival zu Festival gepilgert, hat Vertreter von Verleihfirmen belagert, alles vergeblich. "Wenn auf einem Festival zwanzig Leute deinen Film ansehen, kannst du schon froh sein", sagt der 34-jährige Kalifornier.

Verleihfirmen rufen an

Seit einigen Wochen ist alles anders. Verleihfirmen rufen an, ob er "Harold Buttleman, Dare-Devil Stuntman" zur Ansicht schicken könne. Nach Wall Street Journal und Washington Post bat auch der Standard um ein Interview. Agenten stehen Schlange, ob er von ihnen vertreten werden will. Fernsehsender winken mit Aufträgen. Denn Stokes hat mit der Bürosatire "God, Inc." den vielleicht intelligentesten Hit gelandet, den YouTube bisher gesehen hat.

Ohne Gage

Dabei kannte er die Videowebsite noch vor drei Monaten nur dem Namen nach. Er wusste nur vage, was er zu erwarten hätte, als er ein Dutzend unterbeschäftigte Schauspieler überredete, ohne Gage mit ihm zu drehen, und sich das nötige Equipment und zwei Wochenenden Zugang zu einem Bürohaus zusammenschnorrte. Rund 100 Dollar habe er in die Produktion gesteckt, erzählt Stokes. Nicht pro Folge, sondern für alle sechs Folgen zusammen. Es dürften die bestangelegten 100 Dollar seines Lebens sein.

Gott hat natürlich eine Firma

Wer sich je gefragt hat, wie Gott unsere komplizierte Welt managt, kriegt in Stokes' Serie die Antwort: Gott hat natürlich eine Firma. Wer hinreichend jung dahinscheidet, kann bei "God, Inc." Karriere machen. Im Jenseits geht es nicht viel anders zu als im wirklichen Leben. Die Kollegen sind lästig, die Vorgesetzten mobben, und der oberste Boss lässt sich natürlich nie blicken. Statt von einer Wolke wird aus einem anonymen Bürohaus operiert.

Biodiversität

Die Serie beginnt mit der Einstellung von Sarah. Als unbezahlte Praktikantin versteht sich. Sie kommt in die Abteilung für Biodiversität, wo sie neue Arten entwerfen soll, möglichst bessere als ihr notgeiler Kollege, der die Ablehnung seines Porkopotamus nicht verwinden kann. Freundschaftliche Bande knüpft Sarah mit Greg aus der Presseabteilung. Dessen Arbeitsgebiet sind ungläubige Christen, also Wähler der Demokraten, und Stokes hat diese Rolle selbst übernommen. Allerdings nicht als Love Interest, dafür ist die Serie zu schnell und zu smart. Geküsst wird nur ein Drucker, der sich bei Sarah mit einem schwarzen Tintenklecks revanchiert. Zuvor platzt sie allerdings noch in eine Sitzung der Abteilung für Katastrophen.

In der Kürze

Das Schöne an der ebenso skurrilen wie pointenreichen Serie ist ihre Kürze. Eine durchschnittlich fünfminütige Folge lässt sich gut einmal rasch im Büro abspielen, wenn der Chef oder die Chefin außer Hörweite ist. Auf YouTube wird es keine neuen Folgen geben. Stokes ist guter Dinge, "God, Inc." fürs Fernsehen zu adaptieren. Anfragen habe er bereits.

The Office

Büroserien gehören zu den intelligenteren und erfolgreicheren Formaten, die das Fernsehen derzeit zu bieten hat. Die BBC-Produktion "The Office" und ihre gleichnamige US-Adaption zählt Stokes zu seinen Lieblingsserien. Selbst der deutsche Abklatsch "Stromberg" hat Fernsehpreise gewonnen. Auch auf dem Buchmarkt brummt das Thema mit Survival-Guides wie "Der Arschloch-Faktor" oder "Wer Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr".

Bürokratie

Wie aber kommt ein junger Filmemacher dazu, den Büroalltag auf die Schaufel zu nehmen? Im Falle von Francis Stokes war es der Job, mit dem er sich die vergangenen Jahre über Wasser hielt. Als Führer in einem städtischen Planetarium bekam er Einblick in eine überbordende Bürokratie von Los Angeles. Als ihm der Fernsehsender Fox ein Drehbuch abkaufte, war vor wenigen Monaten die Zeit gekommen, den Brotjob zu kündigen und das Drehbuch für "God, Inc." zu schreiben. Seitdem hat Stokes sich dann auch YouTube näher angesehen. Als Favoriten nennt er die Achtzigerpop-Persiflage "Yacht Rock", die Kinobesprechungen der "Film Pigs" und das desorientierte Duo "Gustopher" (Gus und Christopher).

Haufenweise Filmchen

Daneben gibt es auf der Videoseite, die Google vor einigen Monaten für rund 1,2 Milliarden Euro gekauft hat, freilich haufenweise Filmchen von schnurrenden Haustieren, singenden Hausfrauen und lamentierenden Haustrotteln. Aber genau das liebt Amerika, dass jeder eine Chance kriegt. Das Open Mike wurde hier erfunden und die Stand-up Comedy. Bühne frei für die Amateure. Ob jemand wirklich lustig ist oder sich nur zum Narren macht, kommt irgendwie auf das Gleiche raus. Das Publikum lacht. Solange dafür gesorgt ist, dass der, der sich blamiert, sich schleunigst trollt. Oder weggezappt werden kann.

Ausnahme

Profis wie Stokes, die Internetvideos nutzen, um sich für Jobs in der Fernsehbranche zu profilieren, sind die Ausnahme. Wer mit Internetvideos zu Geld kommen will, tummelt sich auf Seiten wie Revver, Atomfilms oder Metacafé. Diese VideoWebsites finanzieren sich durch Werbung und überweisen den Machern der Videos für jedes Abspielen gewöhnlich vier bis fünf Cent. Doch Erfolg ist ziemlich unberechenbar. Eines der meistgesehenen Internetvideos zeigt Colaflaschen, die durch Zugabe von Mintbonbons zum Platzen gebracht wurden. Mehr als sieben Millionen Mal ist "Extreme Mentos" abgespielt worden. Bisheriger Ertrag für Fritz Grobe, den Macher des Videos: 35.000 Dollar. (Stefan Löffler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.2.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.