Multikulti und das "Gemeindebau-Modell"

22. April 2008, 17:51
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Die europäische und österreichische Integrationspolitik auf dem Prüfstand – Sozialanthropologin Strasser: "Nicht das Kind mit dem Bade ausschütten"

In Europa wird ein Rückzug vom Modell des Multikulturalismus diskutiert und Anpassung gefordert. Doch wo wurde das Ideal-Modell eigentlich umgesetzt? Und auf welche Daten stützen wir uns? IntegrationsforscherInnen zur aktuellen Debatte in Politik und Wissenschaft.

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Vor einigen Jahren hätte man auf die Frage "Was ist Integration" noch von wechselseitiger Anpassung der aufnehmenden und der aufzunehmenden Gruppe und Aufstiegschancen gesprochen – doch davon sei heute immer weniger die Rede, sagt die Migrationsforscherin Sabine Strasser vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien. "Statt dessen hört man heute öfter: Wer hier leben will, muss sich anpassen."

Damit steht Österreich allerdings nicht alleine da: Europa scheint angesichts des Scheiterns der verschiedenen Integrationsansätze ratlos. Brennende Autos in Pariser Vororten, Ausschreitungen in Londoner Vierteln, Jagd auf LateinamerikanerInnen in Madrid, der Mord an Theo van Gogh in den Niederlanden, Wahlerfolge von Rechts-außen-Parteien in Belgien, Dänemark, Österreich und Neonazis in Deutschland.

Recht ähnlich

"Die Auswirkungen unterschiedlicher Politiken scheinen recht ähnlich zu sein", bestätigt Strasser. Und auch die Reaktion darauf: Egal ob in den Niederlanden oder Großbritannien - überall wird ein Rückzug vom Multikulturalismus diskutiert; in ganz Europa wird Anpassung gefordert. Doch wo ist zuvor Integration eigentlich ernst genommen worden, fragt Strasser - "oder der ideale Multikulturalismus umgesetzt?"

In den Niederlanden beispielsweise sei - im positiven Bemühen, Selbstbestimmung und kulturelle Autonomie zu fördern - die "kulturelle Differenz überbetont" worden, was zu verstärkter Abgrenzung von Seiten der Mehrheitsgesellschaft und damit auch Isolation führte.

Und in Frankreich herrscht zwar das Credo der Gleichheit, doch die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten, Berufschancen oder Wohnungspolitik förderten oft Armut und Segregation. "In Wirklichkeit waren das alles Trial-and-Error-Systeme, die wenig geplant und viel historisch gewachsen waren. Und beide haben es geschafft, die Differenzen noch zu vergrößern statt zu verkleinern", kritisiert Strasser.

Wichtig sei es aber festzuhalten, dass es neben den Schwächen durchaus auch Stärken der unterschiedlichen Modelle gibt, sagt die Migrations-Expertin Barbara Herzog-Punzenberger gegenüber derStandard.at. So könne man in Frankreich auch eine durchaus beachtliche soziale Aufwärtsmobilität der marokkanischen Zweiten Generation beobachten, und durchaus auch in mittlere oder höhere Positionen. "Was man so für die türkische Zweite Generation in Österreich nicht sagen kann", so Herzog-Punzenberger, die an der Akademie der Wissenschaften den Österreich-Part des Projektes "TIES - The Integration Of The European Second Generation" leitet, über das erstmals vergleichbare Daten zur "Zweiten Generation" in acht Ländern erhoben werden.

Gastarbeiter-Modell

In Österreich wurden – nachdem klar war, dass das "Gastarbeiter-Modell", wonach die Hereingeholten wieder zu gehen hätten, nicht funktionierte – ab Mitte der 1980er-Jahre Integrationskonzepte unter dem Slogan "Integration statt Neuzuzug" geschmiedet.

Doch mittlerweile sei man – auf anderem Niveau – wieder bei der alten "Gastarbeiterpolitik" angelangt, resümiert der Innsbrucker Historiker Gerhard Hetfleisch in seinem Artikel "Integration von Migrantinnen und Migranten am Prüfstand". Die Ergebnisse der bisherigen Integrationspolitik fasst er folgendermaßen zusammen: Weder Integration noch Neuzuzug. Die Einkommensunterschiede zwischen ÖsterreicherInnen und MigrantInnen werden größer, die berufliche Mobilität sei gering.

Schlechte Datenlage

Allerdings - konkrete Aussagen darüber könnten nur auf Basis eigener Erhebungen zur jeweiligen Gruppe der Personen mit Migrationshintergrund gemacht werden. Denn derartige Daten fehlen in Österreich fast vollständig - die Datenlage ist "katastrophal", kritsiert Herzog-Punzenberger: "Wir wissen eigentlich sehr wenig – und trotzdem werden dauernd Aussagen gemacht." Häufig stütze man sich auf Statistiken wie den Mikrozensus, die dafür aber praktisch nicht zu gebrauchen seien. Hier sei es dringend notwenig, beispielsweise das Herkunftsland der Eltern zu erheben.

Gerade über die Zweite Generation wisse man viel zu wenig, sagt Herzog-Punzenberger: "Und dabei sollte uns das besonders interessieren. Denn das ist in einer gewissen Weise die Zukunft Österreichs." Auch größenmäßig sei diese gesellschaftliche Gruppen nicht zu vernachlässigen: "Wir haben etwa 100.000 in Österreich geborene Menschen, deren Eltern aus Ex-Jugoslawien stammen; bei der Türkei sind es zwischen 60.000 und 70.000."

Umgang der Medien mit dem Thema

Stark verbesserungswürdig sei aber nicht nur die Datenlage, sondern auch der Umgang der Medien mit dem Thema: "Unter JournalistInnen ist ganz offensichtlich das Hintergrundwissen zum Thema Integration gering – aber leider auch die Bereitschaft, sich dieses Wissen anzueignen", kritisiert die Forscherin. Als besonders ärgerlich empfand sie in diesem Zusammenhang die Berichterstattung über die Integrationsstudie des Innenministeriums im Vorjahr: "Bücher wie das von Volf und Bauböck werden ignoriert - vielleicht weil die Rede von 'Türken' ist, das interessiert ja keinen - aber wenn von Muslimen die Rede ist, wird das als erste derartige Studie bezeichnet."

Über eines waren sich jedenfalls die bisherigen Studien einig: MigrantInnen bilden eine der am stärksten von Armut gefährdeten Gruppen; der Aufstieg in die Mittelschicht gelingt nur wenigen.

Doch ist der soziale Aufstieg überhaupt gewollt? August Gächter vom Zentrum für Soziale Innovation verneint dies und bringt es auf die Formel "Keine Integration ohne Neuzuzug": Wenn kein Neuzuzug stattfindet, müssten Zugezogene und ihre Kinder durch Diskriminierung in den schlechten Jobs festgehalten werden, wird er von Hetfleisch zitiert.

Armut macht fremd

"Armut macht fremd", betonten die Politikwissenschafter Rainer Bauböck und Patrik Volf schon 2001 im Forschungsbericht "Wege zur Integration", "und wenn die Armut ,ethnisch' ist, so verstärkt das wiederum die Fremdheit der ImmigrantInnen."

Was besonders gut mit rassistischen Strukturen zusammenspielt. Rassismus verfestigt Ungeleichheit, erklärt Hetfleisch: Wenn Rassismus nicht mit einbezogen werde, seien Chancengleichheit, rechtliche Gleichstellung, anerkannte kulturelle Vielfalt, eine aktive Integrations- oder Diversitätspolitik nur begrenzt umsetzbar.

Rassismus ausgeblendet

Doch in Österreich, so Hetfleisch, bleibt Rassismus - hierzulande "beinahe liebevoll als Ausländerfeindlichkeit bezeichnet" - als Ursache fehlender Integration ausgeblendet. Mehr noch: Da als Folge aktiver Integrationspolitik Rassismus befürchtet wird, werden teilweise selbst den "integrierten" MigrantInnen wichtige Rechte nicht zugestanden. Nach dem "Wiener Gemeindebau-Modell", wie es Strasser nennt: "Der Minderheit wurden Förderungen und staatliche Hilfe wie eine Gemeindebauwohnung lange vorenthalten, um die Mehrheit nicht zu vergrämen."

Die Frage, der sich eine Integrationspolitik zu stellen hätte, lautet: "Was brauchen Mitglieder dieser Gesellschaft, um sich in dieser Gesellschaft frei entfalten zu können?", so Strasser. Dabei stelle sich vor allem auch eine Frage: "Wie gehen wir wirklich mit ökonomischen Barrieren um?"

Der Migrationsexperte Heinz Fassmann hingegen ist solchen Fragen gegenüber kritisch: "Ich höre immer nur sehr blumige Aussagen wie ,Jeder soll seinen Platz haben, soll sich entfalten können'." Doch bei Fragen wie der Frauenemanzipation sei man dann schnell an einem Punkt angelangt, wo sich auch Grenzen der Akzeptanz zeigen.

Wichtig sei es, so Fassmann gegenüber derStandard.at, den "Wertekonsens" der Mehrheitsgesellschaft den Zugewanderten auch abzufordern - "beispielsweise über einen Eid". "Ich finde Anpassung oder Assimilation an und für sich gar nichts Schlechtes", sagt Fassmann; man dürfe nur nicht den Fehler machen zu glauben, dass sich da etwas "Fremdes" an eine statische Kultur hierzulande anpassen würde: "Wir werden laufend akkulturiert – beispielsweise durch McDonald’s. Der Wertekonsens ist ebenfalls laufend im Fluss."

Geschlechterdifferenzen zur Abgrenzung vorgeschoben

Strasser betont hingegen, dass das Anerkennen und Respektieren von kulturellen Unterschieden die Grundlage einer erfolgreichen Integrationspolitik sein müsse: "Man sollte hier nicht das Kind mit dem Bade ausschütten." Nur weil ein reiner Laissez-faire-Multikulturalismus nicht zu mehr Gleichheit geführt habe, heißt es nicht, dass Anerkennung und Respekt keine Bedeutung mehr habe.

Die Feministin untersucht derzeit in einem node-Projekt mit anderen Forscherinnen das Thema Zwangsehe und Ausschluss von Ehe. In der Diskussion werde oft der Eindruck erweckt, dass die "Anderen" ihre Kultur als Rechtfertigung von Gewalt oder Unterordnung von Frauen und Mädchen benutzen: Die Geschlechterverhältnisse werden regelmäßig zur Abgrenzung von "Kulturen" herangezogen. "Von Seiten der Mehrheitsgesellschaft wird dann die Egalität als zentral hingestellt – obwohl das oft von der so genannten ‚wertkonservativen’ Seiten kommt", so Strasser.

Und die Kritisierten würden dann wiederum darauf hinweisen, dass die österreichische Gesellschaft oder "der Westen" ein Problem mit Werten wie Familie oder Religion hat. Damit punkten die jeweiligen BefürworterInnen der Distanz - die BrückenschlagerInnen haben es noch schwerer.

Das betont auch Rainer Bauböck gegenüber derStandard.at: "Wer glaubt denn ernsthaft, dass Machos ihre Einstellung ändern und Frauen aufbegehren, wenn ausgerechnet das, was sie verbindet, ihre gemeinsame Herkunft oder Religion, für das Problem verantwortlich gemacht wird?" Helfen würden hier Aufstiegs- und Ausstiegsangebote für Frauen. Zudem sollte in Zusammenarbeit mit moderaten muslimischen Organisationen daran gearbeitet werden, dass Zwangsheiraten und Arbeitsverbote für Frauen innerhalb der Communities geächtet werden.

Ziele definieren

Strasser plädiert für die Anerkennung der kulturellen Differenz, ohne diese zu verabsolutieren, und für die Berücksichtigung von Unterschieden in arbeitspolitischen Maßnahmen, in der Bildungspolitik und in der Sozialpolitik. Vergleichbar des Gender-Mainstreaming brauche es ein Vielfalts-Mainstreaming.

Wesentlich sei es, fordert Fassmann, konkrete Ziele für Integration zu definieren. Ein solches Ziel stellt für ihn die soziale Kohäsion, also der gesellschaftliche Zusammenhalt dar. Dabei sei insbesondere die Wohnpolitik ein wichtiges Instrument: "Mit der Wohnpolitik hängt viel zusammen – Nachbarschaft, Bekanntschaften der Kinder, die Schulwahl." Über die räumliche Komponente gebe es zumindest die "Zurkenntnis-Nahme" der "Anderen" – wobei "die Anderen" nicht kulturell anders sein müssten, das könne auch arm und reich bedeuten.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Auch für Bauböck ist der Zusammenhalt der Gesellschaft ein wichtiger Indikator für Integration: "Integration bedeutet einerseits Zusammenhalt in einer Gesellschaft und andererseits Hereinnahme, also Inklusion von Minderheiten oder Zuwanderern." In unseren Gesellschaften werde dieser Zusammenhalt getragen von gleichen Grundrechten, der politischen Vertretung aller in der Gesetzgebung und sozialer Chancengerechtigkeit. "Wenn faire Bedingungen für Integration angeboten werden, dann kann auch erwartet werden, dass Einwanderer, die sich hier niederlassen, ihrerseits diesen Rahmen akzeptieren." Er plädiert insbesondere für politische Partizipation, beispielsweise über ein Wahlrecht für alle "Stakeholder", also von Gesetzesänderungen Betroffenen, ermöglichen. (Heidi Weinhäupl, derStandard.at, 26.2.2007)

Links

Node-Projekt von Sabine Strasser, Elisabeth Holzleithner, Christa Markom und Ines Rössl: Contesting Multiculturalism

Forschungsprojekt zur Zweiten Generation in Europa: TIES

  • In Österreich wird Integration teilweise noch immer nach dem "Wiener Gemeindebau-Modell" betrieben: Der Minderheit werden Hilfen oder Förderungen verweigert, da dies die Mehrheit vergrämen könnte.
(Bild: Integrations-Projekt in Gemeindebau)
    foto: fischer

    In Österreich wird Integration teilweise noch immer nach dem "Wiener Gemeindebau-Modell" betrieben: Der Minderheit werden Hilfen oder Förderungen verweigert, da dies die Mehrheit vergrämen könnte.
    (Bild: Integrations-Projekt in Gemeindebau)

  • Dafür fordern PolitikerInnen lautstark die "Anpassung" der MigrantInnen und/oder führen den Integrationstyp "glückliches Miteinander"; Besonders in Vorwahlzeiten und in der Konstellation "glücklicher Politiker" mit "glücklichen kleinen Kindern, die irgendwie anders aussehen".
    foto: övp/markus hammer

    Dafür fordern PolitikerInnen lautstark die "Anpassung" der MigrantInnen und/oder führen den Integrationstyp "glückliches Miteinander"; Besonders in Vorwahlzeiten und in der Konstellation "glücklicher Politiker" mit "glücklichen kleinen Kindern, die irgendwie anders aussehen".

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Besonders häufig werden die kulturellen Grenzen an den Geschlechterverhältnissen festgemacht: Wenn es um muslimische Frauen oder das Kopftuch geht, werden auch Stammtisch-RednerInnen zu überzeugten FeministInnen. Das Problem aber wird an der "Kultur" festgemacht und dient nur zur stärkeren Abgrenzung. So werden auch Frauenräume problematisiert, wenn vor allem muslimische Frauen sie nutzen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Literatur
    Heinz Fassmann, Irene Stacher (Hg.): Österreichischer Migrations- und Integrationsbericht. Demographische Entwicklung – sozioökonomische Strukturen – rechtliche Rahmenbedingungen. Klagenfurt/Celovec 2003: Drava.

    Barbara Herzog-Punzenberger: "Gesellschaftliche Ein- und Ausschlussmechanismen am Beispiel der 2. Generation in Österreich". In: Schriftenreihe des österreichischen Bundesministeriums für Justiz, Band 120, NWV, Seite 61-80.

    Barbara Herzog-Punzenberger (Hg.): Bildungsbe/nach/teiligung in Österreich und im internationalen Vergleich. Working Papers 10 der ÖAW

    Manfred Oberlechner (Hg.): Die missglückte Integration. Wege und Irrwege in Europa. Sociologica, Band 10. Wien: Braumüller. Mit Beiträgen von Rainer Bauböck, Heinz Fassmann und Gerhard Hetfleisch.

    Sabine Strasser: Culture Troubles. In: Politix 22/2006 - "Inklusion und Exklusion". Online abrufbar

    Patrik Volf / Rainer Bauböck: Wege zur Integration. Was man gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit tun kann. Bd. 4 der Publikationsreihe des bm:bwk zum Forschungsschwerpunkt Fremdenfeindlichkeit. Klagenfurt/Celovec 2001: Drava Verlag.

  • Rossalina Latcheva et al: Studie zur sozialen Integration von MigrantInnen. SiM - Between Equal Opportunity and Marginalisation. 2006.

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