Gesund, aber super

3. März 2007, 17:00
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An der Semmering-Serpentine ohne Slogans - das (Bio-)Panoramahotel Wagner ist das optimale Domizil zum Spazieren, Lesen und Nichtstun

Die Magie eines "Zau(:ber:)gs" erleben, "feinstaubfreie Luft genießen", "sphärischen Klänge" beim Rodeln lauschen: Wer auf einschlägigen Tourismus-Websites motiviert werden will, dem einst bevorzugten Wochenend- und Feriengebiet der Jahrhundertwende-Wiener heute noch etwas abzugewinnen - der tut sich möglicherweise schwer.

Und wenn es trotz "sphärischer Klänge" auf der Rodelbahn unübersehbar ist, dass der Winter in den hier noch immer relativ niedrigen Lagen nicht so richtig mitspielt, dass die Gastronomie außerhalb der bewährten Hotels durchaus limitiert ist und dass entlang der immer noch wunderschönen Hochstraße immer mehr Villen, Schlösschen, Häuser und Häuschen zunehmend desolat zum Verkauf stehen - dann mag man erst recht den Schluss ziehen, dass der Semmering Geschichte, also völlig von gestern und somit als Urlaubsziel erledigt ist.

Sie denken, das war jetzt aber ein harter Einstieg für eine - ja, doch! - Empfehlung, oder? Tatsächlich ist der Autor dieses Berichts nämlich jedes Mal sehr froh, wenn er auf den Semmering fahren kann, zum Beispiel als Familienvater, weil eben im Winter die Skilehrer vor Ort derart nett sind, dass sie selbst ausgefuchste Jungspunde vergessen lassen, dass hier eigentlich nur sehr wenige Pisten und manchmal ebenso wenig Schnee ist. Man hat untertags also eine Ruhe.

Noch froher stimmt den Autor und seine Familie aber die Tatsache, dass wir jetzt zum obligaten Spazieren, Wandern, Lesen, Nichtstun auch noch das optimale Domizil gefunden haben. Und dass wir es jetzt hier anpreisen, ist pure Selbstlosigkeit, weil das Panoramahotel Wagner, das heuer in einer der ersten Biegungen der Hochstraße hinter dem Panhans seinen 40. Geburtstag feiert, ist (fast) noch ein Geheimtipp. "Fast" deshalb, weil dieser Familienbetrieb aufgrund beträchtlicher Vorzüge natürlich ein Stammpublikum hat. "Selbstlosigkeit" wiederum deshalb, weil dieses Stammpublikum (also auch wir), sich jetzt natürlich ungern von den Menschenhorden stören lassen würde, die nach diesem Bericht das Panoramahotel stürmen werden.

Gemach! Für gewisse Leute (der Autor zählte sich durchaus selbstbewusst zu diesen Leuten) sind die Vorzüge des Panoramahotels ohnehin abschreckend. Man lebt hier nämlich total gesund, das heißt, man darf im ganzen Hotel überhaupt nirgendwo rauchen (na ja, draußen in der Kälte - das entlockt Herrn und Frau Wagner ein freundliches Lächeln); man kriegt keinen Fernseher aufs Zimmer (außer man will unbedingt einen), wegen der Strahlung; das Essen ist biologisch, gewaschen wird mit Waschnüssen, das Auto vom Chef fährt mit Rapsöl, das Hotel verweigert den Ankauf von Produkten aus Großbetrieben, selbst die Kardinalschnitten sind gesund, außerdem ist die Bibliothek des Hauses wirklich voller Bücher - von Doderer bis James Fenimore Cooper ... gut, und spätestens hier kippte auch das harte Vorurteil eines Anti-nichtrauchers in euphorisierte Genussbereitschaft.

"Spätestens" deshalb, weil schon angesichts des ersten der abendlichen, von Georg Wagner durchwegs virtuos komponierten viergängigen Menüs die Frage aufkam, wie sich solche Wunder, zubereitet aus hochgradig glücklichen Tie-ren und Gemüsen, mit einem Halbpensionspreis von rund 80 Euro kompatibel sind - erst recht, wenn in diesem Preis ein nicht weniger bravouröses Frühstücksbuffet und ein reichhaltiges Teeangebot am Nachmittag enthalten sind.

Ein freundlicher Stammgast, der es angesichts meiner unübersehbaren Freude gerne übernahm, mich über historische Hintergründe zu informieren, erzählte mir einiges darüber, dass das Panoramahotel zu Vater Wagners Zeiten eine berühmte Konditorei war. Und: dass Gernot und Regina Wagner anfangs einen relativ schweren Stand hatten, als sie ihr radikal gesundes Konzept da oben am Semmering durchsetzen wollten. Wie eine Freundschaft oder Bekanntschaft mit komplexen Charakteren erschließt sich nämlich auch die Gastfreundschaft der Wagners weniger über flotte Slogans als über viele kleine private Gesten, angesichts derer man gerne draußen raucht: vor der Tür, in Regen und Schnee, wohlgemerkt - damit jetzt nur ja nicht die Massen ... Wiewohl: Verdient hätte es dieses außergewöhnliche Haus allemal. (Claus Philipp/Der Standard/Printausgabe/24./25.2.2007)

  • Hüttenzauberberg? Eventuell beim Nachtskilauf, wenn die meisten schon wieder weg sind.
    foto: nö-werbung/westermann

    Hüttenzauberberg? Eventuell beim Nachtskilauf, wenn die meisten schon wieder weg sind.

  • Artikelbild
    foto: panoramahotel wagner
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