Ezra Pound und das Geld

6. März 2007, 13:58
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Meghnad Desais interessante Studie über Ezra Pound: ein großer Dichter, aber auch Verschwörungs-
theoretiker mit Berührungspunkten zu Globalisierungskritikern

Vor wenigen Tagen gab die Bank of America bekannt, dass sie von nun auch an Kunden, die sich illegal in den USA aufhalten, Kreditkarten ausgeben wird. Die Entscheidung wurde weithin aufmerksam registriert, weil damit de facto eine Legalisierung von vielen Millionen Menschen vorangetrieben wird, die zum Teil schon lange im Land leben, Miete bezahlen und sogar Steuern entrichten, ohne dass sie jemals eine Chance auf die Bürgerrechte bekommen hätten. Die Bank of America macht die Vergabe von Kreditkarten in diesen Fällen nicht mehr vom Nachweis einer Sozialversicherungsnummer abhängig, sie berechnet allerdings höhere Zinsen und eine Einmalgebühr von 99 Dollar.

Kreditkarten

Der Streit, der um diese Entscheidung entbrannt ist, betrifft in erster Linie die Zuwanderungspolitik. Er hat jedoch auch einen ökonomischen Kern. Anhänger des gegenwärtigen Wirtschaftssystems können auf die integrative Kraft der Märkte verweisen. Die Illegalen sind immerhin auch Kunden, und als solche werden sie mit einer Kreditkarte näher an die Kreisläufe des Geldes und der Waren herangeführt.

Sie können sich sogar Dinge leisten, für die sie bar nicht zahlen könnten. Kritiker des Kapitalismus und namentlich der Banken werden hingegen darauf verweisen, dass die Ausgabe von Kreditkarten nur dazu führt, dass die Menschen in Zukunft nicht nur für ihr Auskommen, sondern auch für die Zinsen auf ihre Schulden arbeiten müssen, und was sie durch die Kreditkarte ersatzweise an administrativer Identität gewinnen, verlieren sie an Autonomie gegenüber dem System.

System der Zinswirtschaft

Die Angelegenheit ist ein Schulbeispiel für all jene, die dem Kapitalismus nicht trauen und deswegen das Los der illegalen Arbeiter keineswegs an das Wohlwollen der Banken binden wollen. Tatsächlich besteht ein großer Unterschied zwischen einer Kreditkarte und einem Mikrokredit - beide beruhen jedoch auf Zinsen, und das ist der Streitpunkt, an dem die Sache grundsätzlich wird. Der Kapitalismus ist ein System der Zinswirtschaft, darin liegen seine Vorzüge, darauf beruhen aber auch Mechanismen der Ausbeutung.

Ablehnung des Kapitalismus

Der Ökonom Meghnad Desai hat in seinem neuen Buch The Route of all Evil einen Mann zum Kronzeugen einer grundsätzlichen Ablehnung des Kapitalismus gemacht, der nicht als Wirtschaftstheoretiker bekannt ist, sondern als Dichter berühmt und als Antisemit berüchtigt wurde: Ezra Pound, geboren 1885 in Idaho, gestorben 1972 in Italien. Sein Beitrag zur Literatur der Moderne ist vielfach gewürdigt worden, seine Propaganda für den italienischen Faschismus in den frühen Vierzigerjahren machte ihn zu einer Persona non grata (und brachte ihm einen Prozess wegen Hochverrats ein). Der späte Ezra Pound war ein paranoider Verschwörungstheoretiker.

Überlegungen zu wirtschaftlichen Zusammenhängen spielten dabei eine wesentliche Rolle, und Meghnad Desai wendet sich dieser Angelegenheit nicht ohne aktuelle Bezüge zu. Für ihn ist Pound ein Ahnherr der heutigen Globalisierungskritiker. "In unseren Zeiten, in denen für internationale Entschuldung und für globale Gerechtigkeit gekämpft wird, und der Kapitalismus auf lokaler Basis neu errichtet werden soll, ist Pound der Mann der Stunde."

Zwischen Vernunft und Projektion

Er ist interessant auch deswegen, weil seine Gedanken zur Ökonomie auf bezeichnende Weise zwischen Vernunft und Projektion schillern. In dem Maß, in dem die Weltwirtschaft komplexer wurde, verstärkte er seine Ablehnung zentraler Praktiken, vor allem der Zinswirtschaft. Dabei bezog er sich auf Denker, deren Ansätze noch heute immer wieder diskutiert werden, vor allem auf den deutschfranzösischen Geldtheoretiker Silvio Gesell, dessen Entwürfe einer "natürlichen Wirtschaftsordnung" in der Zwischenkriegszeit in Wörgl in Tirol für eine Weile praktisch ausprobiert wurden. Auch Pound wollte die vielfachen Verflechtungen der Wirtschaft entscheidend vereinfachen.

In seiner Schrift The ABC of Economics stellte er vier Grundprinzipien auf. Ein wenig vereinfacht lauten sie folgendermaßen: "Geld" ist nicht mehr als ein Zertifikat für erbrachte Arbeit. Arbeit muss notwendig sein, also elementare Bedürfnisse befriedigen. Die Wirtschaft sollte so verfasst sein, dass alle ihre elementaren Bedürfnisse befriedigen können (z. B. ein Paar Hosen pro Jahr). Die Zertifikate (das Geld) sollten nach dem Prinzip der Fairness ausgegeben werden.

Produktionsverhältnisse des 20. Jahrhunderts

Die illegalen Zuwanderer in den USA würden in vielerlei Hinsicht seinem Ideal von Wirtschaft entsprechen. Sie werden häufig bar bezahlt, für Leistungen wie Ernte- oder Hausarbeit, und sie können sich für dieses Geld nicht selten nur die notwendigsten Dinge leisten. Dabei befinden sie sich allerdings häufig in Abhängigkeit von der Willkür ihrer Arbeitgeber - auch daran hatte Pound gedacht, wenn auch nicht ganz konsequent. Der Staat sollte seinem Verständnis nach die Steuerung der Produktion und die Verteilung der Zertifikate übernehmen. Das Wort Planwirtschaft im kommunistischen Sinn fällt nicht ausdrücklich, weil Pound nicht so weit ging, die Verwaltungsebene seines Modells genau zu durchdenken. Er dachte wohl eher an regionale Zusammenhänge, stärker an der vorindustriellen Ordnung orientiert als an den Produktionsverhältnissen des 20. Jahrhunderts. Produktionsverhältnisse des 20. Jahrhunderts

Meghnad Desai weist darauf hin, dass im Hintergrund von Pounds Denken immer wieder eine wichtige Auseinandersetzung des 19. Jahrhunderts auftaucht. Damals stritten die Parteien in den USA nach dem Bürgerkrieg über die Währungspolitik, wobei sich eine "Gold"-Fraktion und eine "Silber"-Fraktion gegenüberstanden. Wer für "Gold" war (vor allem das Industriekapital im Osten des Landes und die Banken), war für eine Währungspolitik, die den Wert des Geldes am teuren Edelmetall Gold maß und damit an den Gepflogenheiten der internationalen Finanzwelt.

Wer für "Silber" war (vor allem die vielfach verschuldeten Bauern, die in diesen Jahren mit sinkenden Preisen für Lebensmittel zu kämpfen hatten), wollte den Wert des Geldes am billigeren Metall bemessen und nahm prinzipiell Inflation in Kauf (weil dadurch ja auch der eigene Kredit billiger wurde).

"Silber"-Fraktion

Übertragen auf die heutige Situation, ging es in diesem Streit auch um Globalisierung, weil die "Silber"-Fraktion eine Abtrennung der amerikanischen Wirtschaft von Europa und dem Rest der Welt in Kauf nehmen wollte. William Jennings Bryan ging dreimal mit dieser Politik in das Rennen um die amerikanische Präsidentschaft und verlor dreimal. Für Pound, in dessen Jugend die Erinnerung um diese Auseinandersetzung noch lebendig war, siegte damit die "Pekuniokratie", die Herrschaft des Geldes. Danach suchte er zeitlebens nach Möglichkeiten, dem "Wucher" Einhalt zu gebieten. Seine umfassenden kulturhistorischen Forschungen brachten ihm natürlich auch zur Kenntnis, dass alle drei monotheistischen Weltreligionen zinskritische Regelungen kannten.

Seine Lektüre blieb aber eklektisch, und als er 1939 aus Italien in die USA reiste, wurde er dort nicht als der Experte für wirtschaftliche Zusammenhänge empfangen, als den er sich selbst sah, sondern als Dichter mit ausgeprägten politischen Meinungen. Diese Kränkung war vermutlich entscheidend für die Radikalisierung Pounds: "Der Wucher ist das Krebsgeschwür der Welt, nur das Skalpell des Faschismus kann ihn aus dem Leben der Nationen herausschneiden", schrieb er wenig später. Für Meghnad Desai liegt die besondere Tragik von Ezra Pound darin, dass viele der Maßnahmen, auf die er hinauswollte, in den Dreißigerjahren de facto eingeführt wurden, wenn auch nicht auf revolutionäre Weise.

Präsident F. D. Roosevelt begann seine Amtszeit in den USA mit einem "banking holiday" und bewies danach, dass ein intervenierender Staat durchaus mit einer weit gehend orthodoxen Finanzpolitik einhergehen kann.

Neoliberaler Druck

Der "liberale Kapitalismus" mit Sozialstaat und gemeinnütziger Infrastruktur kam erst in den Siebzigerjahren unter neoliberalen Druck. Viele Leerstellen in der Theorie Pounds lassen sich bei den Globalisierungskritikern wiedererkennen: die ungeklärte Rolle des Staats, die Romantisierung kleiner und alternativer Kreisläufe, die Unfähigkeit, den Kapitalismus auf der systemischen Ebene zu erfassen. Dass bei Pound am Ende die Juden an allem die Schuld trugen, hat ihn endgültig diskreditiert.

Seine Texte können heute nur gegen den Strich gelesen werden, als negative Symptomberichte aus einer Zeit, in der sich in einem welthistorischen Drama das System einer Balance zwischen Wirtschaft und Staat herausbildete, von dem im Moment niemand genau sagen kann, ob es die Globalisierung überleben wird. (Von Bert Rebhandl/Album, DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.2.2007)

Meghnad Desai, "The Route of all Evil. The Political Economy of Ezra Pound", ca. € 30,-/150 Seiten. Faber and Faber, London 2006.
  •  "Der Wucher ist das Krebsgeschwür der Welt, nur das Skalpell des Faschismus kann ihn aus dem Leben der Nationen herausschneiden": Ezra Pound.
    illustration: standard/ michaela pass, karl lux

    "Der Wucher ist das Krebsgeschwür der Welt, nur das Skalpell des Faschismus kann ihn aus dem Leben der Nationen herausschneiden": Ezra Pound.

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