"Nue propriété": Erneuerung durch Unterwerfung

24. Februar 2007, 18:58
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Das intensive Kinokammerspiel "Nue propriété" erzählt von einer entgleisenden Familiensituation: Hauptdarstellerin Isabelle Huppert im STANDARD-Interview

Regisseur Joachim Lafosses zeigt den Nervenkrieg zwischen einer Mutter und ihren Söhnen. In der Rolle der Mutter brilliert Isabelle Huppert.



STANDARD: Mme. Huppert, wie schon in Christophe Honorés "Ma mère" spielen Sie auch in "Nue propriété/Privatbesitz" eine Mutter – ist das eine Rolle, die sie neuerdings reizt?

Isabelle Huppert: Nein, eigentlich nicht (lacht). Mir wurden in letzter Zeit auffällig viele solcher Rollen vorgeschlagen. Die letzten drei, vier Filme haben alle, eher zufällig, mit Sujets zu tun, in denen familiäre Probleme verhandelt werden. Sie laufen auf eine bestimmte Weise ineinander, aber ich bin zu sehr mit den einzelnen Filmen beschäftigt, um das ausreichend erklären zu können. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Rollen etwas mit meinem Alter zu tun haben. Schließlich kann man ja schon mit 18 Mutter sein. In Die Klavierspielerin hab’ ich noch eine Tochter gespielt.

STANDARD: Was war für die Wahl des Parts in "Nue propriété" entscheidend? Auch der Aspekt, wieder einmal im Film eines Debütanten mitzuwirken?

Huppert: Es ging mir hauptsächlich um das Szenario. Mir hat dieses Thema um eine Mutter und ihre beiden im Grunde erwachsenen Söhne schon beim Lesen sehr gut gefallen. Der Film erzählt ja eine ganz gewöhnliche Geschichte. Es geht um drei Menschen, die in gewisser Weise einen Platz behaupten, den sie gar nicht mehr brauchen. Das funktioniert nicht, und das führt direkt in die Tragödie.

STANDARD: Man könnte auch von einem Generationskonflikt sprechen: Die Söhne geben ihre Mutter nicht frei, sie fügen sich nicht mehr ihrer Autorität.

Huppert: Ich sehe den Film nicht besonders soziologisch, sondern eher die einzelnen Figuren und ihre individuelle Situation. Natürlich kann man die Problematik in einen größeren Kontext stellen – und von Kindern sprechen, die deshalb zum Problem ihrer Eltern werden, weil sie ihnen keine Freiheiten gewähren. Die Mutter muss um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten gehen will. Da gibt es einen Generationskonflikt, aber er besteht eher darin, dass Grenzen verwischt werden. Der Film spielt fast ausschließlich in einem sehr privaten Raum, das Haus der Familie steht abseits, es gibt wenig Beziehung zur Außenwelt – und die Art und Weise, wie es dann zum Konflikt kommt, hat im Kern etwas sehr Primitives.

STANDARD: Pascale, die Mutter, zieht sich nicht masochistisch zurück, sie ist aber auch keine Rebellin. Diese Ambivalenz haben viele ihrer Frauenfiguren.

Huppert: Das stimmt. Sie verzichtet in gewisser Weise, das macht Pascale auch so pathetisch. Aber sie bleibt eine sehr gewöhnliche Frau, die keine großen Pläne im Leben hat. Sie versucht dennoch, ein anderes Leben zu führen, mit den wenigen Mitteln, die ihr bleiben. Aber es ist soviel Argwohn in dieser Beziehung zu den Söhnen, dass sie den Verzicht eingeht. Und dieser Verzicht ist eigentlich etwas sehr Gewalttätiges für sie.

STANDARD: Der Film ist beinahe ausschließlich in Plansequenzen gedreht. War das eine Herausforderung für Sie?

Huppert: Nun, die Herausforderung besteht dabei vor allem auf Seiten des Regisseurs. Joachim Lafosse war es sehr wichtig, den Zuschauer nicht zu beeinflussen. Er wollte stets die gleiche Distanz zu den Figuren wahren, eine Form von Objektivität, sodass man sich selbst ein Bild dieser Familie machen muss, die sich vor einem öffnet und allmählich ihre inneren Zwänge preisgibt. Das war alles im Drehbuch schon vorgegeben – was ich so bemerkenswert daran fand.

STANDARD: Kam Ihnen dabei nicht ihre Erfahrung als Theaterschauspielerin zugute?

Huppert: Für mich gibt es keine Unterschiede zwischen Theater und Kino. Oder anders gesagt: Es gibt so viele, dass ich entschieden habe, dass es keine gibt. Wichtig ist vor allem die Art der Konfrontation. Im Film ist man als Schauspieler immer mit sich selbst konfrontiert – das ist auch etwas, was ich im Theater suche: einen Ort, an dem eine Auseinandersetzung möglich wird. Das Publikum ist für mich dabei nicht der interessanteste Unterschied – das ist viel zu offensichtlich. Ich glaube auch, dass ich eine spezifische Theaterschauspielerin bin. Das zeigt sich auch an den Regisseuren, mit denen ich gearbeitet habe: Peter Zadek oder Bob Wilson. Zadek mag die Schauspieler beispielsweise gar nicht so sehr, er schätzt mehr die Personen, die vor ihm stehen.

STANDARD: Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich von Regisseuren gerne führen lassen. Das überrascht, wo sie doch so eine starke Präsenz haben.

Huppert: Ich bin davon überzeugt, dass man seine Natur stärker in einem Zustand der Unterwerfung einbringen kann. Schauspielerinnen haben es in diesem Punkt übrigens leichter als Schauspieler. Ein Schauspieler ist letztlich immer eine Art Plastik in den Händen des Regisseurs. Und wenn man das akzeptiert und diese Verformung zulässt, dann ist die Chance umso größer, dass man das Wesentliche einer Rolle entdeckt.

STANDARD: Woher nehmen sie den Elan, sich für ihre Rollen stets neu zu motivieren?

Huppert: Das Problem besteht nur dann, wenn man eine zu stereotype Spielweise hat und zu willentlich an eine Rolle herangeht. Wenn man den Gehorsam, die Unterwerfung akzeptiert, kann man sich ständig erneuern und verändern. Weil man jemand anderem die Möglichkeit gibt, sich verändern zu lassen.

STANDARD: Ihre komische Seite, die man in "8 Frauen" oder in "Geheime Staatsaffären" erleben konnte, zeigen Sie selten. Warum?

Huppert: Ich mag diese komische Seite an mir sehr gern, aber es ist einfach schwieriger, an gute Komödien heranzukommen. Oft ist es spannender, humoristische Zeichen in einem Film zu setzen, der gar keine Komödie ist. Gute Frauenrollen in Komödien zu finden, ist außerdem besonders schwierig. Sie sind schnell einmal frauenfeindlich. Weiblicher Humor geht oft ins Boshafte – das ist die Form, die mich reizt. Komödie nur der Komödie halber zu machen, ist hingegen uninteressant. (Dominik Kamalzadeh aus Paris/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.02.2007)

Zur Person
Isabelle Huppert
, geboren 1955 in Paris, avancierte mit Hauptrollen in Filmen wie Claude Chabrols "Biester", Michael Ciminos "Heaven’s Gate" oder Michael Hanekes "Die Klavierspielerin" zu einem der größten Stars des französischen Kinos.
  • Jetzt (Februar 2007) im Kino: Isabelle Huppert in "Nue Propriété", dem ersten Film von Joachim Lafosse.
    foto: stadtkino

    Jetzt (Februar 2007) im Kino: Isabelle Huppert in "Nue Propriété", dem ersten Film von Joachim Lafosse.

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