Wunderwaffe Pflanzensprit?

28. März 2007, 15:00
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Mehr und mehr kristallisiert sich der Verkehr als ein zentraler Problembereich im Klimaschutz heraus - Von Silva Herrmann

Mehr und mehr kristallisiert sich der Verkehr als ein zentraler Problembereich im Klimaschutz heraus. Auf den Verkehrssektor entfallen bereits heute mehr als 30 Prozent des Energieendverbrauchs in der EU sowie mehr als 70 Prozent des Ölverbrauchs, Tendenz steigend. Die Abhängigkeit vom Erdöl im Verkehr liegt derzeit bei 98 Prozent.

Um aus dem Dilemma von hohem Mobilitätsbedürfnis einerseits und Klimagefährdung andererseits herauszukommen, setzt die Politik in Österreich und der EU auf eine neue vermeintliche Wunderwaffe: Biokraftstoffe. Es fehlt allerdings bisher an fundierten Studien und Konzepten, woher die Bio-Rohstoffe denn kommen sollen. Da der Druck der globalisierten Märkte hin zu billigen und einfachen Lösungen sehr groß ist, droht durch den massiven Einsatz von biogenen Kraftstoffen in Europa eine großflächige Regenwaldvernichtung. So hat Indonesien als Reaktion auf die Verkündung des Energiepaketes der EU in kürzester Zeit Verträge für die Entwicklung von 1 Million Hektar Palmölplantagen genehmigt.

83 Prozent des global gehandelten Palmöls - eine mögliche Quelle für Pflanzen-Sprit - stammen aus Malaysia und Indonesien. Regenwald wird abgeholzt, um an seiner Stelle lukrative Palmenplantagen anzulegen.

Verkehrszunahme ...

Damit legt der Mensch Hand an die letzten Reservate des Orang-Utans. Wenn die Prognose des UN-Umweltprogramms eintrifft, dann wird der Orang-Utan schon in 15 Jahren ausgestorben sein, weil der tropische Regenwald auf den indonesischen Inseln Sumatra und Borneo komplett abgeholzt sein wird. Untersuchungen haben außerdem gezeigt, dass die Palmöl-Nutzung auf südostasiatischen Torfböden zehnmal mehr Kohlenstoff-Emissionen verursacht als der Einsatz einer vergleichbaren Menge von Mineralöl. Zwar hat das Europäische Parlament bereits anerkannt, dass fehlende Umweltstandards bei der Biomasseproduktion tropische Entwaldung und auch Verlust von Biodiversität in Europa und weltweit bewirken können. Bisher existieren jedoch keine Mechanismen, um zu verhindern, dass die "Pflanzentreibstoff-Politik" der EU zu Regenwaldzerstörung führt.

... ist kein Naturgesetz

Aber auch die Produktion von Biokraftstoffen auf Ackerflächen der industrialisierten Welt ist nicht unproblematisch, denn der Biokraftstoffe-Boom fördert Monokulturen, die mit hohem Pestizideinsatz bewirtschaftet werden. Letztlich könnten Biokraftstoffe dann auch zum Türöffner für die breitflächige Anwendung von Gentechnik auf europäischen Äckern sein. Die Gentechnik-Lobby hofft jedenfalls darauf, dass der Widerstand der Verbraucher gegen Gentechnik im Tank geringer sein wird als der gegen Gentechnik im Magen. Auch, wenn das Risiko einer unkontrollierten Ausbreitung durch den Anbau am Ende doch wieder zu einer Kontamination von Nahrungsmitteln führen kann. Wir fordern daher klare Standards für die Nutzung von Biokraftstoffen. Zudem braucht es Umwelt- und Sozialstandards, die darüber hinausgehen und auch andere negative Umweltfolgen oder gar den Verlust von notwendigen Flächen für die Nahrungsmittelproduktion für den Biokraftstoff-Anbau ausschließen.

Diese Regeln müssen für die ganze EU verbindlich gelten. Österreich sollte sich zum Vorreiter machen, und darüber hinaus der Gentechnik auch für Biokraftstoff-Produktion eine klare Absage erteilen.

Verkehrszunahme ist kein Naturgesetz. Sie wird durch politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen verursacht. Sinnvoll lässt sich das Klima nur dann schützen, wenn es uns gelingt, das Verkehrsaufkommen insgesamt zu senken und die effizientesten Verkehrsmittel, wie den Güterverkehr über die Schiene, einzusetzen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.2.2007)

Zur Person
Silva Herrmann ist Energiereferentin bei "Global 2000".
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    Ein Bild, das Josef Pröll und der EU nach Ansicht von Öko-Aktivisten zu denken geben sollte: Wer im Anti-CO2-Kampf auf Biosprit setzt, gefährdet Regenwald und Orang-Utan.

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