der schönste Tag der Woche: Aufgegebene Briefe

24. Februar 2007, 00:00
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Die Folgen von defekten Türen am Postamt und warum Warner Brothers keine Briefmarken verkaufen

Ob Sie es glauben oder nicht, aber seit mehr als drei (!) Monaten klebt auf der Eingangstür des Postamts in der Zieglergasse 10 im 7. Bezirk in Wien ein Zettel mit folgender Aufschrift: "Türe Defekt! Bitte benutzen Sie den Seiteneingang um die Ecke." Natürlich kommt man da als Kunde der österreichischen Post ins Grübeln und fragt sich, woran es liegen mag, dass ein Unternehmen, das im Geschäftsjahr 2005 einen Gewinn von 91 Millionen Euro erwirtschaftet hat, offenbar nicht in der Lage ist, eine defekte Tür reparieren zu lassen. Was erwarten sich die Postmanager? Dass die Kunden eine Straßensammlung durchführen, damit die entsprechende Gummidichtung gekauft werden kann? Oder dass sich einer mit einem Hut neben die Eingangstür stellt und die Leute um eine kleine Spende bittet?

Aber Moment, noch haben wir die ominöse Eingangstür gar nicht gefunden, denn "der Seiteneingang um die Ecke" führt im Falle der Zieglergasse 10 direttissima in einen Müllraum, in dem Altpapiercontainer stehen. Wobei ein Blick in die Container zeigt, dass viele Gutgläubige ihre Briefe hier tatsächlich – und zwar für immer – "aufgegeben" haben.

Jene, die im Umgang mit der Post und ähnlichen Institutionen aber erfahrener sind, lassen sich von solch kleinen Rückschlägen nicht abschrecken und öffnen forsch die nächste Tür, die aber wieder nicht ins Postamt führt, sondern in ein Stiegenhaus, in dem sich das Österreich-Büro von "Warner Brothers" befindet. Da man bei "Warner Brothers" aber momentan eher mit der Vermarktung von Filmen wie Das Wilde Leben ("Uschi Obermaier – Sie lebte den Traum einer Generation") beschäftigt ist und keine Lust hat, ständig darauf hinzuweisen, dass man hier keine Briefmarken verkauft, hat man an die Tür kurzerhand einen Zettel mit der schlichten Botschaft "No Post Office" geklebt.

Zum Stichwort "Warner Brothers" fällt mir als Marxisten natürlich sofort jener kuriose Rechtsstreit ein, den die Marx Brothers einst mit diesem Hollywood-Studio ausfochten. Der Hintergrund: Als die Marx Brothers 1946 den Film A Night in Casablanca herausbrachten, wollten "Warner Brothers" den Marx Brothers die Verwendung des Namens "Casablanca" verbieten, weil sie darin eine Verletzung ihrer Rechte an dem 1942 produzierten Film Casablanca sahen. Daraufhin drohte Groucho Marx mit einer Gegenklage, da er und seine Brüder schon "Brothers" waren, lange bevor es "Warner Brothers" überhaupt gab. An dieser Stelle wollen wir unser Glas auf Zeppo Marx (Duck Soup) erheben, der am 25. Februar vor 106 Jahren geboren wurde, aber – wie seine fünf Brüder Manfred, Chico, Harpo, Groucho und Gummo – leider auch schon tot ist.

Nach diesem kurzen Zwischenstopp öffnen wir endlich die dritte Tür im Durchgang des Hauses Zieglergasse 10, und siehe da: Vor uns liegen die heiligen Hallen des Postamts 1072 und geben den Blick frei auf eine sehr, sehr lange Menschenschlange und auf Pappständer, auf denen zwar Filme wie Barbie und die 12 tanzenden Prinzessinnen und Hansi Hinterseer: Da wo die Berge sind angeboten werden, aber keine Filme der Marx Brothers. Dabei hätte ein Film wie Blühender Blödsinn so gut hierhergepasst. (Kurt Palm /ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.02.2007)

  • Leerer Postkasten? Wenn die Briefaufgabe im Altpapiercontainer vermutet wird, kein Wunder...
    foto: standard/matthias cremer

    Leerer Postkasten? Wenn die Briefaufgabe im Altpapiercontainer vermutet wird, kein Wunder...

  • Kurt Palm
    foto: michaela mandel

    Kurt Palm

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