Alcatel-Lucent stellt MP3-Musikgeschäft auf den Kopf

9. Juli 2007, 11:26
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Microsoft soll für MP3-Patente 1,52 Milliarden Dollar zahlen - Weitere Klagen könnten gegen hunderte Unternehmen angestrebt werden - "Strafe nicht sonderlich bedeutsam"

Das Geschäft um Musik im MP3-Format könnte als Folge einer Milliarden-Patentstrafe gegen Microsoft vor schweren Turbulenzen stehen. Microsoft hatte das Recht auf Nutzung der Technologie wie viele andere Unternehmen beim deutschen Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen erworben. Ein US-Gericht gab am Donnerstag jedoch dem Netzwerkausrüster Alcatel-Lucent recht, der seine Patente dadurch verletzt sah und verurteilte Microsoft zur Zahlung des gewaltigen Betrags von 1,52 Mrd. Dollar (1,16 Mrd. Euro). Microsoft betrachtet das Urteil als ungerechtfertigt und wird möglicherweise in Berufung gehen.

Hunderte andere Klagen möglich

Das Urteil öffne Alcatel-Lucent die Möglichkeit, gegen hunderte andere Unternehmen vorzugehen, die Lizenzen zur Nutzung der MP3-Technologie bei Fraunhofer erworben hätten, warnte Microsoft. Das deutsche Institut sei der allgemein übliche Lizenzgeber in der Branche. Besonders empörend sei die Höhe des Betrages, da man Fraunhofer nur 16 Mio. Dollar bezahlt habe. Die Strafe fiel so saftig aus, weil für ihre Berechnung der durchschnittliche Preis zwischen Mitte 2003 und 2005 verkaufter Windows PC herangezogen wurde.

Keine Qualitätsverluste

Mit der MP3-Technik kann man Musik in sehr kompakte Dateien umwandeln. Erhebliche Qualitätsverluste werden dadurch vermieden, dass vor allem für das menschliche Ohr nicht hörbare Töne herausgefiltert werden. Das Format setzte sich für die Speicherung von Musik auf dem Computer, ihren Versand über das Internet und die Nutzung auf mobilen Geräten durch.

Patente zur Datenkomprimierung

Entwickelt wurde die Technologie seit 1982 vor allem bei Fraunhofer. Dabei sollen auch von den Bell Laboratories gehaltene Patente zur Datenkomprimierung zum Einsatz gekommen sein. Die Bell Labs wurden später Teil von Lucent. Der US-Netzwerkausrüster fusionierte inzwischen mit dem französischen Rivalen Alcatel.

Lizenzgebühren

Der Fraunhofer-Professor Karlheinz Brandenburg, der als einer der Väter des MP3-Formats gilt, sagte kürzlich in einem Interview, das Institut bekomme jedes Jahr Millionen an Lizenzgebühren, ohne eine konkrete Summe zu nennen.

Lucent hatte vor einigen Jahren im Zusammenhang mit der MP3-Technik Patentklagen gegen Gateway und Dell eingereicht. Im April 2003 setzte sich Microsoft selbst auf die Angeklagtenliste und sagte, die Patente seien eng an sein Windows-System geknüpft. Dell und Gateway sind nach den Angaben weiter angeklagt.

Mit großer Sorge

"Wir sind besorgt darüber, dass durch diese Entscheidung die Tür für Klagen von Alcatel-Lucent gegen hunderte anderer Firmen geöffnet wird, die auch die Rechte an MP3-Technologie vom Fraunhofer gekauft haben", sagte ein Microsoft-Anwalt. Eine Alcatel-Lucent- Sprecherin zeigte sich erfreut mit dem Urteil, sagte aber nicht, ob auch Klagen gegen anderen Konzerne erwogen werden. Die beiden Konzerne sind in mehrere weitere Rechtsstreite verwickelt.

"Strafe nicht sonderlich bedeutsam"

"Für Alcatel-Lucent könnte das eine bedeutender nicht erwarteter Gewinn sein", sagte Paul Sagawa von Bernstein. Er wies auf andere Firmen hin, die ebenfalls MP3-Technologie benutzten. Rick Sherlund von Goldman Sachs wies darauf hin, dass die 1,5 Milliarden Dollar Microsofts Gewinn aus sechs Wochen darstellten. Die Strafe sei im Vergleich dazu und zu den Barmitteln des Softriesen "nicht sonderlich bedeutsam". Reuters/APA/dpa)

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    Alcatel-Lucent-CEO Patricia Russo blickt nun in die Ferne - nach dem Erfolg gegen Microsoft könnten weiter Unternehmen folgen.

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