"Frauen müssen besser sein"

23. Februar 2007, 18:43
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Die deutsche Politologin Barbara Holland-Cunz über Frauen im Wissenschaftsbetrieb und über den Sinn von Quoten

Die deutsche Politologin Barbara Holland-Cunz hielt am Mittwoch in Wien den Eröffnungsvortrag bei der Tagung "Wissen und Geschlecht". Mit Sabina Auckenthaler sprach sie über Frauen im Wissenschaftsbetrieb und über den Sinn von Quoten.

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Standard: Die Gender-Studies sind an den meisten Universitäten etabliert. Ist damit die feministische Forschung nicht auch fad geworden, wie manche meinen?

Holland-Cunz: Der Feminismus ist an den Universitäten gar nicht so etabliert, wie das auf den ersten Blick scheint. Im Moment ist die Tendenz sogar eher rückläufig. Leider stimmt es, dass feministische Forschung viele nicht mehr so stark interessiert. Die Herausforderung ist es, sich einen kritischen Stachel zu bewahren.

Standard: Der Anteil der weiblichen Studierenden liegt etwa bei der Hälfte, bei den Professorinnen sind es in Österreich weniger als zehn Prozent. Warum ist das so?

Holland-Cunz: Der Hauptgrund liegt in der Rekrutierungspraxis von Personal an den Universitäten: Männer berufen wiederum Männer. Außerdem zeigen sich bei den Berufungen immer noch eindeutig frauenfeindliche Mechanismen. Wie wir aus Studien wissen, müssen Frauen im Schnitt zweieinhalbmal so viel publiziert haben wie Männer, um als gleich qualifiziert zu gelten.

Standard: Können sich Männer besser darstellen?

Holland-Cunz: Frauen stehen in gewisser Weise vor einem Dilemma: Positionieren sie sich als Frau, werden sie schnell auf das Geschlecht reduziert - wählen sie den männlichen Habitus der Inszenierung, wird ihnen das auch zum Vorwurf gemacht. Natürlich fehlt es auch an weiblichen Vorbildern.

Standard: Wie könnte der Frauenanteil in der Wissenschaft am besten erhöht werden?

Holland-Cunz: Wir brauchen nach wie vor Quoten. Heute hört man oft, es genüge, Frau zu sein, um bei der Besetzung einer Stelle vorn zu liegen. Das ist Unsinn! Frauen müssen besser sein als Männer, um eine Stelle zu bekommen. Dennoch signalisiert das Umfeld oft, sie habe den ersten Platz aufgrund der Quotenregelung geschafft, die im Übrigen ja sogar Ernst-Ludwig Winnacker, der Ex-Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), gefordert hat.

Standard: Was halten Sie von anderen Maßnahmen der Frauenförderung wie Mentoring oder Coaching?

Holland-Cunz: Diese Programme sind sinnvoll. Die Strukturen der Hochschulen sind aber so festgefahren, dass es selbst für den kleinsten Erfolg ein Maximum an Investitionen braucht. Das müssen wir in Kauf nehmen. Es gibt auch bei mir Tage, wo ich denke, es kann doch nicht möglich sein, dass wir für die winzigsten Fortschritte so hart kämpfen müssen. Aber im Moment sehe ich keinen andern Weg.

Standard: Deutschland und Österreich gehören beim Frauenanteil in der Wissenschaft EU-weit zu den Schlusslichtern. An US-Universitäten gibt es bereits 23 Prozent Rektorinnen. Was machen die besser?

Holland-Cunz: Es gibt klare Zusammenhänge zwischen der Frauenquote in der Wissenschaft und bestimmten gesellschaftlichen Grundhaltungen: zum Beispiel ob man Frauenerwerbstätigkeit als Hindernis für die Geburtenraten betrachtet, was nachweislich falsch ist. Deutschland und Österreich sind in vieler Hinsicht äußerst traditionell.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.2.2007)

Zur Person
Barbara Holland-Cunz ist Professorin für Politikwissenschaft sowie Leiterin der Arbeitsstelle Gender-Studies an der Universität Gießen in Deutschland.
  • Artikelbild
    foto: uni gießen
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