Jean Renoirs "Große Illusion"

22. Februar 2007, 20:52
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Ein Drama wird gewissermaßen entlang einer ständig wechselnden Tiefenschärfe immer neu verhandelt

"Je mehr Fortschritte ich in meinem Beruf mache, desto mehr verzichte ich auf die Gegenüberstellung von zwei Schauspielern, die wie beim Photographen hübsch ordentlich vor die Kamera plaziert sind". Mit diesen Worten von 1938 zitiert André Bazin Jean Renoir und verbindet damit den Beginn einer neuen Erzählweise des Kinos. "La Grande Illusion" von 1937 zeigt bereits deutliche Spuren dieser Tiefendramaturgie, die entscheidenden Momente spielen sich in besonderen Räumen ab.

Die deutschen Gefangenenlager des Ersten Weltkriegs treten wechselweise als Baracke (mit Lagertheater), schwarz-romantisches Burgverlies und idyllischer Bauernhof auf. Das Drama, das sich in diesen Räumen abspielt - in Frankreich heißt der erste Weltkrieg "La Grande Guerre", und diese emblematische Bezeichnung bildet die unmissverständliche Folie für die "Grande Illusion" - ist mehrfach geschichtet, wird gewissermaßen entlang einer ständig wechselnden Tiefenschärfe immer neu verhandelt. Zum einen ist es der (illusionäre) aristokratische Versuch, jenseits der niederen Feindesgesinnung einen Ehrenkodex wiederzubeleben. Der deutsche adlige Offizier (Erich von Stroheim, der souverän die lockende Karikatur meidet) erbittet von seinem sehr viel legereren französischen Gegenbild (Pierre Fresnay) das Ehrenwort, auf jeglichen Fluchtversuch zu verzichten. Im entscheidenden Augenblick wird Fresnay dies aus Loyalität zu seinen Untergebenen verweigern und dafür mit seinem Leben bezahlen.

In einen anderen Brennpunkt rückt Renoir das Binnenverhältnis der französischen Gefangenen untereinander. In einem späten Rückblick erläutert Renoir, dass einer der Gründe, warum er "La Grande Illusion" gedreht habe, der besondere Stil gewesen sei, mit der, nach seinem eigenen Erleben, die französischen Offiziere mit ihren Leuten umzugehen pflegten: "Weder affektiert noch schroff". Dies sei gänzlich verlorengegangen, ja habe sich in sein Gegenteil verkehrt. Noch tiefer gestaffelt ist schließlich die große Schlussepisode des Film, die jene seltsame Illusion erzeugt, hier beginne ein ganz neuer Film - möglicherweise, weil im Mittelpunkt nun eine verlorene, begehrenswerte Frau (Dita Parlo) mit ihrem Kind steht, die den beiden herumirrenden Kriegsgefangenen (Jean Gabin und Marcel Dalio) Unterschlupf und Zuneigung gewährt. Claude Lelouch erzählt, er sei geboren worden, als sein Vater, um das Warten auf die Niederkunft seiner Frau abzukürzen, im Kino "La Grande Illusion" ansah. Jahre später konnte im besetzten Paris das versteckt lebende, jüdische Kind Claude nur heimlich ins Kino gehen - doppelte, unheimliche Heimlichkeit! 1947 schließlich habe er Renoirs Film zum ersten Mal gesehen. "Der Film zeigt", schreibt Lelouch, "dass der Schrecken des Krieges weniger in dem Hass auf den andern besteht, als in dem Drama derjenigen, die voneinander getrennt sind." (Hans Zischler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.2.2007)

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