Bayrous Aufstieg

7. März 2007, 14:20
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Der Aufstieg des liberalen Politikers acht Wochen vor der Wahl ist real und gleichzeitig doch noch eine Chimäre - Von Markus Bernath

Acht Umfragen jede Woche, simulierte Konstellationen von Präsidentschaftskandidaten, von denen die Hälfte – darunter übrigens auch der Rechtsextreme Jean-Marie Le Pen – noch gar nicht die nötige Zahl der Unterschriften gesammelt hat: Je näher in Frankreich der erste Wahlgang am 22. April rückt, umso verrückter scheinen die Zahlen zu werden, mit denen die Franzosen von morgens bis abends bombardiert werden. Die jüngste „trouvaille“ ist der Aufstieg des Liberalen François Bayrou: Er könnte angeblich in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen sowohl die Sozialistin Ségolène Royal als auch den Kandidaten der bürgerlichen Rechten, Innenminister Nicolas Sarkozy, schlagen. Das Problem ist nur, dass Bayrou denselben Umfragen zufolge gar nicht in die Endrunde kommt.

Frankreichs Medien und Meinungsmacher haben zuerst Ségolène Royal hochgebracht, jetzt üben sie sich in Selbstkritik an der Umfragemania, von der sie leben. Monatelang waren die Bürger im vergangenen Jahr über ihre Meinung zu der Sozialistin aus der zweiten Reihe befragt worden, bis die Lawine endlich losgetreten war: „Wenn man die Politiker in zwei Lager einordnen müsste, das Lager der Reform und das Lager der Un_beweglichkeit, in welches Lager würden Sie die folgenden Persönlichkeiten einordnen?“ „Welche dieser beiden Persönlichkeiten würden Sie bevorzugen? X oder Ségolène Royal? Y oder Ségolène Royal? Z oder Ségolène Royal?“

Der Aufstieg von François Bayrou acht Wochen vor der Wahl ist real und gleichzeitig doch noch eine Chimäre. Bayrou, der ebenso lange in der Politik ist wie Royal, vermittelt, was der Sozialistin ganz augenscheinlich fehlt – solides Wissen und die Fähigkeit, politische Zusammenhänge entsprechend einzuordnen. Bayrou erscheint vielen auch als Kandidat, der seinen Ehrgeiz besser im Griff hat als der beunruhigende Sarkozy. Doch Bayrou rennt gegen eine Wahrheit der französischen Politik an: Erklärt liberale Politiker bringen es in Frankreich selten weit. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2007)

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