Willkommen in der Realität

28. März 2007, 15:00
61 Postings

Schönes Künstlerleben? Kein Arbeitslosengeld, keine Sozialhilfe: Solche Unterstützung ist für den Autor als freien Unternehmer nicht vorgesehen. Stolz unterschreitet er jede Armutsgrenze - Von Karl Weidinger

Für meine Kunst wäre der Status der Landwirtschaft erstrebenswert: Eine Agrarförderung, die bis zu 80 Prozent des Einkommens gehen soll. Wie ein Landwirt möchte ich die so genannte "EU-Brache" abgegolten erhalten. Volles Geld (häufig mehr als der Ertrag) für drei Jahre, wenn ich meine schreiberischen Literaturfelder nicht bestellen würde und brach liegen ließe ...

Das war die Exposition, nun zu mir: Ich bestelle meine literarischen Felder sehr gerne - auch bei Aussicht auf karge Ernte. Im Jahr 2005 habe ich ehrliche 9176 Euro Umsatz zusammengebracht (2006 war es noch weniger). Und wie alle wissen, ist Umsatz nicht gleich Gewinn! Aber ich bin stolz darauf, obwohl dieses Ergebnis deutlich unter der Armutsgrenze liegt (die Hälfte des statistischen Durchschnittseinkommens laut BIP). Stolz deswegen, weil ich wieder ein Jahr überlebt habe, meiner Existenz wieder ein Werk abtrotzen konnte. Und stolz, weil ich schon Maturathema für Deutsch & Literaturkunde gewesen bin - wenn auch unbezahlt, nur für die höhere dichterische Ehre. Und so bestreite ich den Lebenserhalt oftmals durch abgelaufene Lebensmittel (50 Prozent Price-off), beim Zahnarzt lebe ich auf Pump, beim Stammwirt bin ich in der Kreide, aber irgendwie geht es sich aus, ohne kriminell zu werden.

Worauf ich weniger stolz bin: Für die Steuererklärung des Jahres 2005 habe ich dichterisch tätig werden müssen; also et-was erfinden, kreativ sein, falsche Angaben machen, Einkünfte herbeifantasiert . . . Aber nicht in abgabenhinterzieherischer Absicht, sondern "nach oben" musste ich schwindeln.

Dies bedeutet, dass ich die Obrigkeit in Form der Finanzhoheit angelogen habe - um die von der Künstlersozialversicherung geforderte Mindesteinkommensgrenze bewerkstelligen zu können (Herr Ex-Finanzminister, falls Sie das lesen: jawohl, das ist das JAHRES-Einkommen! Nicht der monatliche Bezug! So viel verdienen Politiker im Ausgedinge noch pro Woche, zu Recht natürlich). Und warum: Damit ich als einer der etwa 5000 zuschussberechtigten Kunstschaffenden nicht in den Kreis jener 900 unglückseligen KünstlerInnen gerate, die den ihnen gnädigerweise gewährten Pensionszuschuss zurückzahlen müssten.

Arbeitswilligkeit? Die Existenzangst des freien Unternehmertums wandelt wie ein unabschüttelbarer Begleiter an meiner Seite. Arbeitslosengeld ist nicht vor- gesehen für freischaffende Künstler, Sozialhilfe detto, weil "selbstständig". Fixanstellung gibt es nicht für Literaten. Und was ist mit der Mindestsicherung? Arbeitswilligkeit müsse vorliegen, für den Erhalt der Mindestsicherung wäre die Bereitschaft nötig, auch gemeinnützige Tätigkeiten auszuüben.

Hm. Arbeitswilligkeit? Und gemeinnützige Tätigkeit. Dem Medium Buch verdankt die Menschheitsgeschichte am meisten, denke ich. Und davon habe ich bereits sieben Werke veröffentlicht, habe daraus auf der Leipziger Buchmesse gelesen, ging 2004 über Auftrag des Außenministeriums (Österreichisches Kulturforum) auf Tournee anlässlich der EU-Osterweiterung. Gut, das wurde auch abgegolten, entlohnt nach Tarif für die Lesungen. Was natürlich nicht bezahlt werden konnte, ist die Schreibzeit der Bücher - und diese nimmt reichlich Aufwand in Anspruch, weil ein Buch ja kein "Nitsch" ist, wobei ein Eimer Buchstaben über die Seite gekübelt wird!

Jeder Euro und jeder Unter-euro namens Cent sind schwer verdient: bei Schul- oder Wirtshauslesungen, bezahlt und unbezahlt, in Naturalien und Denaturalien, durch Lohnschreiberei und Gebrauchstexte. Natürlich träume ich manchmal von der Frühpension. Eine ganze Latte meiner postalischen Ex-Kollegen wurde vor der Zeit (mehr oder weniger zwangs)pensioniert und hat mit der ebenfalls auf 726 Euro nivellierten Leibrente "zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig", wie ein ehemaliger Kollege aus Postzeiten in Wien-Hietzing es ausdrückte. Mir würde das zur Literatur schon reichen, ist aber blöd gelaufen (Buch über die Post mit den Skandalen der Gewerkschaft geschrieben, freiwillig ausgetreten, auf alle offiziellen und inoffiziellen Beamtenrechte verzichtet, tja!).

Manchmal wünschte ich mir, und bitte dies vollkommen unironisch zu sehen: den Flüchtlingsstatus für Kultur. Dann gäbe es auch eine Bundesbetreuung für Künstler, woraus wenigstens etwa 400 Euro "Asylhilfe" monatlich resultieren würden. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mir denke: Ich würde am liebsten meine Papiere zerreißen, damit ich in Österreich um Asyl ansuchen könnte. Dann würde ich - einen positiven Bescheid vorausgesetzt - wenigstens etwa 400 Euro Asylhilfe bekommen.

So hingegen habe ich Anspruch auf nix, niente, nada, zero, null. Und dabei würde ich mir nur ersehnen, ein Landwirt zu sein!

Killerargument

Fehlt nur noch das oft gehörte Killerargument, dass Künstler ein schönes Leben führten. Stimmt! Ich zum Beispiel habe drei Jahren an meinem aktuellen Buch gearbeitet. Ein Krimi, der in 24 Stunden am Tag des Wiener Donauinselfestes spielt. Laut Statistik meines Computerprogramms habe ich am 320-seitigen Manuskript zu einer Zeit geschafft und geschuf- tet, die insgesamt 2,5-mal über der statistischen Jahresarbeitszeit von 1550 Stunden liegt.

Und ich tue es gerne, auch ohne Aussicht auf Besserung. Und würde es auch weiterhin ohne jegliche Möglichkeit auf einen Krankenstand, ein Urlaubsgeld, eine Arbeitslosenunterstützung oder gar eine Sozialhilfe auf mich nehmen.

Ich werde weitermachen, auch wenn ich wieder das Finanzamt belügen muss. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.02.2007)

Karl Weidinger (44) ist seit 1989 freiberuflich selbst- ständig erwerbstätig. Er ver-öffentlichte sieben Bücher. Zuletzt erschien der Krimi "Die schönsten Liebeslieder von Slipknot". androkles.com
  • Abgelaufene
Lebensmittel,
um fünfzig
Prozent
ermäßigt,
beim
Zahnarzt
auf Pump,
beim
Stammwirt
in der
Kreide: der
Alltag hinter
dem schönen
Klischee vom
sorglosen
Leben des
Literaten.SPEZIAL: Künstlersozialversicherung
    foto: standard/c. fischer

    Abgelaufene Lebensmittel, um fünfzig Prozent ermäßigt, beim Zahnarzt auf Pump, beim Stammwirt in der Kreide: der Alltag hinter dem schönen Klischee vom sorglosen Leben des Literaten.

    SPEZIAL: Künstlersozialversicherung

Share if you care.