Zweiter Mann im Rennen gegen Royal

6. März 2007, 11:21
15 Postings

Neueste Umfrage verleiht liberalem Politiker Bayrou Flügel: Sowohl Sarkozy als auch Royal sinken unter 30-Prozent-Schwelle

Es gibt Angenehmeres für eine elegante und eher urbane Französin, als vor einem virilen, politisch feindlich gesinnten Publikum gestandener Jäger aufzutreten. Ségolène Royal überstand zu Wochenbeginn auch diese neue Wahlkampf- Prüfung: Die 53-jährige Sozialistin vertrat beim Forum des Nationalen Jäger- Verbandes FNC mutig ein eigenes Gesetzesvorhaben für die Förderung des ländlichen Frankreich.

Zuvor hatte sich die Präsidentschaftskandidatin in einer zweistündigen Fernsehsendung behauptet, die als vorläufiger Wahlkampf-Höhepunkt vor den anstehenden Schulferien in Frankreich galt; danach beginnt die zweimonatige heiße Phase der Kampagne. Vor 100 Studiogästen und fast neun Millionen TV- Zuschauern startete Royal so nervös, als hätte ihr der jüngste Sinkflug in den Umfragen persönlich zugesetzt. Doch dann fing sich die hartnäckige Sozialistin wieder und kümmerte sich unbefangen um einen Rollstuhlfahrer im Publikum, der seine Tränen nicht zurückhalten konnte.

Die Pariser Zeitungen billigen der unorthodoxen Sozialistin zu, in dieser Phase des Wahlkampfs wieder Punkte gewonnen zu haben. Laut einer Umfrage von Mittwoch schließt sie mit 49 Prozent der Stimmen fast wieder zu ihrem bürgerlichen Widersacher Nicolas Sarkozy (51 Prozent) auf.

Team umgebaut

Royal beschloss gleichwohl, ihr Wahlkampfteam neu zu formieren, nachdem es zu Schnitzern und Rücktritten gekommen war. Am Donnerstag vermeldete sie den Eintritt ihrer früheren Rivalen, Laurent Fabius und Dominique Strauss-Kahn, in das Team. Strauss-Kahn dürfte mit diesem Schritt wohl auch Anspruch auf den Posten des Premiers anmelden, falls Royal im Mai wirklich Staatschefin Frankreichs werden sollte.

Auffällig an der neuesten Umfrage ist, dass im ersten Wahlgang sowohl Royal (29 Prozent) als auch Sarkozy (28 Prozent) unter die 30-Prozent-Schwelle sinken. Dieser Umstand verleiht dem Zentristen François Bayrou Flügel. Der bisher wenig beachtete Anführer der christlich-liberalen Partei UDF legt seit einiger Zeit langsam, aber stetig zu. In einer Erhebung für das Magazin Le point erreicht er bereits 16 Prozent der Stimmen.

Für die UDF, die in Frankreich stets ein Mauerblümchendasein zwischen den Sozialisten und der UMP von Staatschef Jacques Chirac und Sarkozy führt, ist das ein bemerkenswerter Zwischenerfolg; 2002 war Bayrou nicht einmal auf sieben Prozent der Stimmen gekommen.

Jetzt scheint der 55-jährige Ex-Bildungsminister aber für viele Wähler zu einer Alternative zu den beiden Spitzenkandidaten zu werden. Bauernsohn Bayrou, der sein Stottern erst in der Studentenzeit in den Griff gekriegt hatte, verfügt zwar über wenig persönliches Charisma. Aber er gewinnt die Sympathien jener Gaullisten, die Sarkozys proamerikanische Linie ablehnen, sowie der zahlreichen Sozialisten, die insgeheim an der präsidialen Statur Royals zweifeln.

Zur Überraschung vieler meinte der proeuropäische Christdemokrat, er könnte als Präsident durchaus auch einen linken Premier vom Stil des früheren EU- Kommissions-Präsidenten Jacques Delors ernennen. Eine solche „große Koalition à la française“ geht den an klare Politfronten gewohnten Franzosen derzeit wohl noch zu weit. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Plötzlich eine ernsthafte Alternative: Der liberale UDF-Chef François Bayrou steigt in den Umfragen auf.

Share if you care.