Unter allen Gipfeln herrscht Unruhe

23. Februar 2007, 19:11
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Eine Personale für Thomas Imbach, eines Grenzgängers des eidgenössischen Filmschaffens

Wien – Ein Mann steigt aus, oder konkreter: Er steigt auf. Auf den Berg nämlich, zum tief verschneiten Zermatt, wo der imposanteste Gipfel der Schweizer Alpen, das Matterhorn, wie ein Koloss in den Himmel ragt. Manchmal ist die Luft so klar, dass man die steilen Hänge deutlich erkennen kann. Manchmal rasen Flugzeuge hinter dem Gipfel vorbei, und kurz ist unklar, ob er sie nicht doch verschluckt hat. Manchmal aber ist die Spitze auch von Wolken verdeckt – dann ist der Berg ganz in sich versunken.

Das Naturschauspiel steht in Thomas Imbachs Film "Lenz" – frei nach Georg Büchners gleichnamiger Novelle adaptiert – mit den wechselhaften Gemütsverfassungen des zentralen Protagonisten in assoziativer Verbindung. Lenz (verkörpert vom großartigen Volksbühne-Schauspieler Milan Peschel), ein Filmemacher im seelischen Ungleichgewicht, beschließt, auf einer Skihütte seinen Sohn zu besuchen – mit dem Ziel, sich von seine inneren Leere mit einer kräftigen Portion Intimität zu therapieren.

Wie Kunst und Leben unterschiedslos werden, davon erzählt Lenz: ein wilder Film, der auch gängige Unterscheidungen wie jene zwischen Spiel- und Dokumentarfilm mühelos überschreitet – und damit Büchners Ansinnen, die Kunst müsse sich endlich vom abstrakten Idealismus befreien, auf sehr unakademische Weise ins Filmische übersetzt. Ein auf Mini-DV gedrehtes Psychokammerspiel – von Peschel mit manischer Performance zusammengehalten –, das mit der umliegenden (auf Film gebannten) Landschaft ein produktives Verhältnis eingeht: bis hin zum Tourismusbetrieb, innerhalb dessen bizarren Abläufen sich die manisch-depressiven Schübe des Protagonisten entladen.

"Lenz" – ab 2. März regulär im Kino – ist der jüngste Film des Schweizers Imbach, eines Grenzgängers des eidgenössischen Kinos, dessen Arbeiten Constantin Wulff nun zu einer kleinen Personale zusammengestellt hat ( bis 25. 2., Votiv-Kino). Imbachs ungewöhnliche Montagetechnik kann man schon in "Well Done" studieren: Arbeitsvorgänge in einer Telebanking-Firma werden in rhythmischen Schnittfolgen komprimiert, die Routinen im Dienstleistungsbereich vermitteln sich dabei als Serien körperlicher und sprachlicher Automatismen, die auch ins Private ragen.

Mit einem ähnlichen Ansatz hat Imbach in Ghetto eine Gruppe Züricher Jugendliche begleitet, deren Schulabschluss naht: Momentaufnahmen, in denen eine Vielheit aus ambivalenten Ausdrücken auf eine mehr als ungewisse Zukunft verweist. Auch hier zeigt sich Imbach stilistisch vor allem als Konstruktivist, der die Realität zu beschleunigten Sinneinheiten zusammensetzt. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.2.2007)

  • Erwachsenwerden heißt Bewerbungsgespräche führen: eine Protagonistin aus Thomas Imbachs Film "Ghetto".
    foto: bachim film

    Erwachsenwerden heißt Bewerbungsgespräche führen: eine Protagonistin aus Thomas Imbachs Film "Ghetto".

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