Bekämpfung der Frauenarmut als oberstes Ziel

1. März 2007, 11:24
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Frauenministerin Doris Bures im dieStandard.at- Chat über das neue Kindergeld-Modell, die "Pille danach" und eine mögliche Dohnal-Frisur

Moderatorin: Wir begrüßen Frauenministerin Doris Bures im Chat von dieStandard.at.

Doris Bures: Ich begrüße alle und freue mich auf eine interessante Stunde im Chat.

Userfrage per Mail: Ihr allerwichtigstes Ziel in diesem ersten Arbeitsjahr? (Bitte nur eines nennen!)

Doris Bures: Bekämpfung der Frauenarmut.

Userfrage per Mail: Welche Rolle sollen die Männer dieser Regierung bei der Geschlechterdemokratisierung des Landes einnehmen?

Doris Bures: Allen, auch den Männern kommt eine wesentliche Rolle zu. Wir müssen eine Menge im Bereich der Geschlechterdiskriminierung beseitigen und haben einen massiven Nachholbedarf. Ich freue mich auf die Unterstützung aller in der neuen Bundesregierung.

Gerhard Polak: Kindergartenplätze, sind hier Schwerpunkte bei Betriebskindergärten (auch mehrere Unternehmen gemeinsam) geplant. Die seinerzeitige Kindergartenoffensive hat insbesondere im ländlichen Raum mehr Plätze bis 12 Uhr mittags gebracht, für Teilzeit mit 2

Doris Bures: Es ist ein Gebot der Stunde, dass wir in Österreich endlich ein flächendeckendes Netz an Kinderbetreuungseinrichtungen mit ganztägigen Öffnungszeiten schaffen. Vor allem für Kinder bis zum 3. Lebensjahr und zwischen dem 6. und 9. Lebensjahr brauchen wir mehr Betreuungsplätze. Auch Betriebskindergärten leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Es gibt derzeit schon Fördermittel dafür und es sinnvoll wäre es auch, bei der Wirtschaftsförderung den Aspekt der Familienfreundlichkeit als Kriterium heranzuziehen.

Spaßbremsi: Was werden Sie konkret für Maßnahmen setzen, um der Frau die Vereinbarkeit Kind/Beruf zu erleichtern?

Doris Bures: Die Neugestaltung des Kindergeldes wird dazuführen, dass Frauen der Wiedereinstieg in den Job erleichtert wird ohne das sie bei früheren Berufseinstieg das Geld verlieren (15 Monate Kindergeld 800 EURO, 30 Monate 436 EURO). Aber wichtigste Voraussetzung für Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sind ausreichende Betreuungseinrichtungen mit Bedarfsorientierten Öffnungszeiten.

Markus_L: Was halten Sie von Frauen, die Kind und Beruf NICHT vereinbaren wollen und sich ausschließlich als Hausfrau sehen? Sollen diese Frauen auch Geld von der Gemeinschaft bekommen?

Doris Bures: Jede Frau soll so leben können, wie sie das möchte. Wichtig erscheint mir, dass Frauen selbstbestimmt und unabhängig leben können. Ein eigenes Einkommen ist oft die Grundlage dafür. Es geht daher nicht um Beihilfen, sondern um Arbeitsplätze mit einem Einkommen von dem man auch leben kann. Darüber hinaus haben wir ein hervoragendes System der Familien- aber auch Kinderförderung. Im Übrigen wäre es schön, wenn sich auch mehr Männer der Kinderbetreuung widmen würden.

.tom: Fällt die Einführung von flächendeckenden Betreuungseinrichtungen für Kinder nicht eher ins Familienministerium bzw. gibt es (nicht nur da) Doppelgleisigkeiten?

Doris Bures: Als Frauenministerin werde ich in allen Ministerien auf die spezielle Lebenssituation von Frauen aufmerksam machen. Im Übrigen bin ich mit der Familienministerin in Fragen der Kinderbetreuung einer Meinung.

Rafaela: Warum wurde das Kindergeld nicht noch flexibler gestaltet? Warum wieder nur so wenig Wahlmöglichkeiten?

Doris Bures: Ich sehe das als ersten Schritt und jedenfalls eine wesentliche Verbesserung zum Kindergeld alt. In Zukunft würde ich mir auch wünschen, noch mehr flexible Varianten anzubieten. Jetzt ist jedenfalls ein wesentlicher erster Schritt getan.

Userfrage per Mail: Ist eine Reform geplant, die eine partnerschaftliche Kinderbetreuung ohne finanzielle Benachteiligung ermöglicht?

Doris Bures: Es ist ganz wichtig auch Väter dazu zu gewinnen, sich der Betreuung ihrer Kinder anzunehmen. Es wäre eine Erweiterung der sozialen Kompetenz für viele Väter. Mit der Flexibilisierung des Kindergeldes, kann es uns gelingen, auch Väter für die Betreuung ihrer Kinder zu gewinnen. Das finanzielle Argument bei monatlich 800 Euro zumindest nicht mehr ganz so haltbar.

Andreas Kiss: Wie wäre es, wenn man das Kindergeld abschafft und stattdessen flächendeckende Kinderbetreuungsstätten schafft?

Doris Bures: Wir brauchen beides. Flexibilisertes Kindergeld mit mehr Wahlmöglichkeit und Flächendeckende Kinderbetreuungseinrichtungen. All jene Länder, die beides haben, haben eine höhere Frauenerwerbsquote und eine höhere Geburtenrate.

Zinseszins: Sehr geehrte Frau Ministerin, was haben Sie seit Ihrem Antritt erreicht?

Doris Bures: Mein wichtigstes Anliegen ist, wie gesagt, die Bekämpfung der Frauenarmut. Seit 1. Februar haben wir Mindestpensionen, die nicht mehr unter der Armutsgrenze liegen. Von den 726 Euro Mindestpension profitieren 150.000 Frauen. Von den vereinbarten Generalkollektivvertrag mit 1000 Euro Mindestlohn werden auch vor allem Frauen profitieren.

Userfrage per Mail: Wo sehen Sie die größten Unterlassungen in Sachen Frauenpolitik Ihrer Vorgängerin Rauch-Kallat?

Doris Bures: Ich habe den Eindruck, dass meine Vorgängerin sich leider nicht den Problemen und Anliegen und sich mit der realen Lebenssituation der meisten Frauen wirklich auseinander gesetzt hat. Daher waren Frauen in den letzten Jahren von einer unfairen und unsozialen Politik am stärksten betroffen.

lou cyphre: Welche _konkreten_ Schritte wollen Sie setzen, um den diversen Benachteiligungen von Frauen entgegenzuwirken?

Doris Bures: Vor allen gilt es, Benachteiligungen im Beruf zu bekämpfen. Ungerechtigkeiten beim Einkommen und den Karrierechancen sind beginnend von der Ausbildung von Mädchen bis zur Berufswahl über Kollektivvertragsverhandlungen zu beseitigen.

justhavedoneit: Ist für die Bekämpfung der Frauenarmut an sich nicht das Sozialministerium verantwortlich?

Doris Bures: Für Frauenfragen sind das Sozialministerium, das Bildungsministerium, das Justizministerium, das Familienministerium, das Finanzministerium ... aber vor allem ich verantwortlich.

Andreas Kiss: Wie wollen Sie Ihre Ziele erreichen? Wenn die Kompetenzen aller Ihrer Ziele in anderen Ministerien beheimatet sind?

Doris Bures: Weil das neue Frauenministerium wieder im Bundeskanzleramt ist, habe ich eine Koordinierungsfunktion über alle Ressorts hinweg.

headnocker: Wie finden sie den Vorschlag "männlich" dominierte Schilder, Hinweise (Ampeln, Notausgänge,…) mit "Klischee Frauen" (weibliche Formen, Rock, lange Haare, Stöckelschuhe,…) zu ergänzen. Sind Darstellungen "typischer" Frauen der Emanzipation dienlich?

Doris Bures: Alles was zu einer Hinterfragung der Rollenbilder und Klischees führt, ist ein Beitrag zu so notwendigen Bewusstseinsbildung.

Hans Huber8: Wie stehen Sie persönlich zur Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit? Verstehen Sie diese auch als ein gesellschaftliches Konstrukt?

Doris Bures: Natürlich unterliegt alles gesellschaftlichen Prägungen und Rollen. Auch in der Geschlechterfrage bestimmt das Sein das Bewusstsein.

as asdad: Wie stehen sie zur Kopftuchdebatte? Sehen sie es als Symbol der Unterdrückung oder als Kulturangelegenheit in die sich der Staat nicht einzumischen habe?

Doris Bures: Jeder soll selbst bestimmen, wie er/sie leben möchte. Das gilt auch für Fragen der Religionsfreiheit. Mittelpunkt muss jedoch eine offene Gesellschaft stehen, die Integration und Toleranz fördert.

Userfrage per Mail: Was gedenken Sie zu tun, um Frauen, die sich zu einer Abtreibung entschlossen haben, vor Belästigung zu schützen?

Doris Bures: Ich halte die Vorgangsweise von radikalen Abtreibungsgegnern für psychische Gewalt gegen Frauen, die sich in einer schwierigen Situation befinden. Es kann nicht sein, dass Frauen unter Druck gesetzt werden, wenn sie in einem Ambulatorium Hilfe suchen. Frauen müssen vor diesen radikalen Abtreibungsgegnern geschützt werden. Gesetzliche Änderungen dafür sind unter Wahrung der Demonstrations- und Meinungsfreiheit wahrscheinlich notwendig.

Rafaela: werden sie druck machen, damit die "pille danach" auch in österreich rezezptfrei in apotheken erhältlich sein wird, (so wie jetzt schon in zahlreichen eu-staaten?)

Doris Bures: Wichtiger wäre, mehr Information auch schon bei jungen Mädchen über mögliche Verhütungsmethoden. Wahrscheinlich wissen viel zu wenige, welche Möglichkeiten es gibt, und dass es die Pille danach gibt.

_mitdenker_: Wie stehen Sie zu eingetragenen Pertnerschaften für lesbische Frauen und schwule Männer? Wie lange wird es Ihrer Einschätzung nach noch dauern, bis homosexuelle Menschen ihre Beziehungen legalisieren können?

Doris Bures: Ich unterstütze die Justizministerin Berger bei dem Projekt eines neuen und modernen Familienrechts. Ein wesentlicher Bestandteil wird die Anerkennung unterschiedlichster Lebensformen sein. Ich bin für die eingetragenen Partnerschaften von lesbischen Frauen und schwulen Männern.

Userfrage per Mail: Sind längerfristige Verträge für Fraueneinrichtungen geplant?

Doris Bures: Ich glaube, Fraueneinrichtungen brauchen mehr Sicherheit, längerfristige Verträge führen dazu. Daher werde ich auf mehrjährige Verträge umstellen.

Rafaela: ad pille danach: das war jetzt also ein nein? es geht darum, dass es probleme macht, die pille danach zu bekommen, genau dann, wenn frau sie braucht. auch wenn frau weiß, dass es sie gibt.

Doris Bures: Sie haben Recht - das Problem ist dann auch die Zeit. Ein Antrag auf Rezeptbefreiung liegt in der Rezeptpflichtkommision. Bei der Tagung Ende März/ Anfang April wäre eine Entscheidung in diese Richtung sinnvoll.

Hans Huber8: Wie schaffen Sie es mit der christ-katholisch konservativen ÖVP Gemeinsamkeiten im Bereich Frauen so zu finden, die Ihnen eine Zusammenarbeit ermöglicht?

Doris Bures: Je mehr VertreterInnen der ÖVP ein verzopftes Frauen- und Familienbild ablegen und sich der Lebensrealität der Frauen und Familie hinwenden, umso leichter wird es auch, eine moderne Gleichstellungspolitik über die Parteigrenzen hinweg zu etablieren.

Walter Bär: Wie möchten Sie die dringend notwendige Erhöhung der Frauenerwerbsquote umsetzen?

Doris Bures: Durch bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Kinderbetreuungseinrichtungen, flexibles Kindergeld, aktive Arbeitsmarktpolitik für Frauen und Unterstützung beim Wiedereinstieg nach der Babypause. Darüberhinaus sind alle Bildungspolitischen Maßnahmen wie Qualifizierung, Umschulung, Fortbildung wichtig. Es erfordert also ein Bündel an Maßnahmen, die aber in Angriff genommen werden müssen.

Markus_L: Wie stehen Sie zu einem bedungungslosen Grundeinkommen? Können Sie sich das als Vision vorstellen?

Doris Bures: Ich bin für die bedarfsorientierte Mindestsicherung. Ich bin dafür, dass Arbeitslosigkeit bekämpft wird, damit man nicht von staatlichen Leistungen leben muss, sondern es ausreichend Arbeitsplätze gibt, mit einem Einkommen, von dem man auch leben kann.

Userfrage per Mail: Sie wollen das Gemeinsame betonen, für Frauen. Mit wem arbeiten Sie zusammen, wo sind bereits Allianzen gegründet?

Doris Bures: Eng arbeite ich vor allem mit den Frauenservicestellen (die kennen die Probleme), den NGO's, der Gleichbehandlungsanwaltschaft zusammen.

Evets...: Was meinen Sie qualifiziert Sie für das Amt der Frauenministerin?

Doris Bures: Ich bin bereit, mich mit aller Kraft und allem Engagement für die Verbesserung der Lebenssituation der Frauen stark zu machen und ich habe in meinem beruflichen Werdegang bewiesen, dass ich über Durchsetzungsfähigkeit, Managementqualitäten und das Gspür für die Probleme der Menschen verfüge.

Gezelle: Werden Sie sich die Haare mal so schneiden lassen wie Johanna Dohnal? Für einen guten Zweck?

Doris Bures: Mir gefällt Johanna Dohnals Frisur sehr gut. Ich werde aber keine Aktionen meiner männlichen Kollegen abkupfern.

Moderatorin: Sehr geehrte Frau Ministerin, vielen Dank fürs Kommen! liebe UserInnen, danke fürs Mitchatten.

Doris Bures: Herzlichen Dank für die interessante Diskussion, ich freue mich auf ein nächstes Mal.

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