Lärmende Weltenknödel: "Elastic Taboos" in der Kunsthalle Wien

22. Februar 2007, 18:00
1 Posting

Gezeigt wird eine Mischung aus allem, was derzeit unter dem Gewinn versprechenden Logo "asiatische Gegenwartskunst" international im Regal steht

Wien – Urban ist er geworden, der Ferne Osten. Und damit ist vieles, was über Jahrhunderte vom zenbuddhistischen Hang zu Minimalismus und Ruhe bestimmt war, nun schrill, laut und kitschig. Konfuzius schweigt immer öfter. Nicht das Projekt Moderne beschäftigte etwa die Koreaner, Kriege und Besatzer entließen die sie mitten ins Durcheinander einer vom Kapital geprägten Postmoderne. Und dann kann es schon vorkommen, dass man nicht mehr so genau weiß, was jetzt noch tabu ist oder nicht mehr, was verboten ist und was plötzlich als Wert erkannt wird.

So eine Situation provoziert natürlich auch Kunst. Dass die "koreanisch" wäre, glauben nicht einmal deren Produzenten. BAHC yiso (1957–2004) auf die Frage, was er denn unter der Einzigartigkeit koreanischer Kunst verstehen würde: "Wäre ich ein professioneller Koch, würde ich von meinen Gästen lieber hören, dass etwas köstlich, und nicht dass es 'sehr koreanisch' schmeckt."

Er "serviert" in der Wiener Kunsthalle fünf monochrome Weltenknödel auf einem Metalltablett, unterscheidbar bloß durch deren Größe. Sämtliche Binnenstrukturen sind zu einer homogenen Masse gepresst.

Gimhongsok (geboren 1964 in Seoul) meint: "Die koreanische Kunst von heute folgt den weißen systematischen kulturellen Schnittstellen, bezieht politisch Stellung, nimmt die zeitgenössische koreanische Identität auf, ist ignorant, tut so, als würde sie einen Spaziergang auf dem Mond unternehmen, betreibt Selbstbefriedigung." Sein Beitrag zur Schau Elastic Taboos: Gimhongsok ließ Robert Indianas Objekt Love nachbauen und mittels schweren Baugeräts ordentlich ramponieren. Im Original so rot, wie sich die Hippies eben gerne die Liebe und den Frieden ausgemalt haben, ist sein zerbeultes Beziehungsmodell von metallisch kaltem Blau.

Oh Hein-kuhn (1963 in Seoul) stellt zunächst klar, reiner Fotograf zu sein, zeitgenössisch koreanische Kunst sieht er von Entfremdung und Anpassung geprägt, und also wird Korea in Zukunft dem Kunstbegriff der Welt folgen. Er selbst fertigt nachgerade klassische Schwarz-Weiß-Porträts von Schulmädchen und "Ajummas", worunter man sich verheiratete Frauen mittleren Alters vorzustellen hat. Allen gemein ist der Hang zur pathetischen Pose.

Geschichte Koreas

Gleich die ganze History of Contemporary Corea sucht Shin Hak-chul (geb. 1943 in Yechon) in ein mehrteiliges monumentales Wandgemälde zu verpacken. Ästhetisch irgendwo zwischen Propagandakunst und Heavy-Metal-Tattoo angesiedelt, sucht er Tabus vor allem im Einsatz pornografischer Elemente zu strapazieren. Zu Gegenwart und Zukunft einer koreanischen Kunst enthält er sich jeglichen Kommentars.

Lee Seulgi (geb. 1972 in Daegu) sieht sich in keinem Zusammenhang mit koreanischer Kunst, sieht sich selbst als "daneben", lebt aber auch in Paris. Und versteht es, recht simplen Lösungen der Weltkunst noch gute, jedenfalls aber schwer amüsante Arbeiten abzuringen. Ein salatkartoffelartiges riesenhaftes Schlaginstrument verbreitet motorgesteuert einen Sound, wie ihn vielleicht ein ganzes Kloster voller buddhistischer Mönche verbreiten würde, denen nach Jahrzehnten im Kollektiv erstmals die Gelassenheit abhanden gekommen ist. Daneben gibt sich eine Perücke, von deren Haar Wasser perlt, als Zimmerbrunnen des subtilen Grauens.

Handel und Präsentation koreanischer Kunst boomen, ein satter Westmarkt sucht neue Umsatzbringer. Und so wird es wohl ein paar Jahre dauern, bis einzelne Namen aus dem noch übermächtigen Schatten des Logos "koreanisch" treten, und endlich einfach Künstler sein dürfen. Egal woher. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.2.2007)

Link: www.kunsthallewien.at

Bis 10. Juni

  • Lee Noori (geboren 1977 in Seoul) pendelt zwischen Basel  und ihrer Heimatstadt und träumt von Villen  in den Hollywood Hills.
    foto: kunsthalle

    Lee Noori (geboren 1977 in Seoul) pendelt zwischen Basel und ihrer Heimatstadt und träumt von Villen in den Hollywood Hills.

Share if you care.