Rum 'n' Bass

15. März 2007, 22:39
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Sonnenbaden ist der Nationalsport in St. Kitts & Nevis. Nach dem Strandleben lässt man sich in neuen Luxusresorts verwöhnen

Brüllende Hitze überm Kopfsteinpflaster. Kurze Schatten, die sich wie schwarzer Gummiabrieb an die Böden schmieren. Auch die Eiswürfel im Drink verlieren jede Kontur, ergeben sich einfach der heißen Tageszeit. Jetzt, zu Mittag, gleicht die Stadt zwischen den Veranden einem Backofen. Aber eben nicht nur. Denn auch menschliche Wärme beschert einem Basseterre soeben.

Da sind etwa die zwei Freundinnen, die an der sonnigen Fort Street zufällig ineinander laufen - und sich dann spontan in die Arme fallen. Eine der jungen Frauen hat einen Rucksack geschultert, vermutlich ist sie soeben aus dem Karriere-Exil Miami nach St. Kitts zurückgekehrt. Die Daheimgebliebene trägt bloß Antillen-Pink, und dazu ein Lachen, das sich wie eine hinaufgerutschte, doppelte Perlenkette übers Gesicht legt. Voll Stolz präsentiert sie ihr mittlerweile groß gewordenes Töchterchen.

Spontane Party, betont leger

Wer je einen Zipfel des karibischen Ministaates St. Kitts & Nevis erhaschen konnte, der ahnt sogleich, wie die Straßenrand-Szene nun weitergehen dürfte: Mit einer kleinen, spontanen Party an der langen Friar's Bay, dem schönsten Beach der Insel. Klar ist auch, wie die Party-Hardware aussehen wird: nämlich betont leger. Ein Karibik-Cabrio werden die Freundinnen auftreiben, vermutlich in Form eines zerbeulten Ford-Pick-ups in der Farbe Rostigmétallisé.

Einer der besten Kumpels wird den Grillamasta geben und die zuvor in Essigwasser und Limonensaft eingelegten Hühner mit Hingabe auf den Rost fläzen. Tiefblaue Wellen werden ihren Beat beisteuern, ein zuverlässiges Wummern, das beständig nach "rum 'n' bass" klingt. Vielleicht macht auch ein Fläschchen CSR die Runde - "Cane Spirit Rothschild". Der von Baron de Rothschild auf St. Kitts produzierte Schnaps hat schließlich Kultstatus. Und: Zwei, drei Jungs werden zumindest so ansteckend hysterisch lachen wie Eddy Murphy in seinen überdrehtesten Szenen. Die verlorene Tochter sollte eine nette Welcome-Party erleben. Und alle Übrigen einen ganz normalen Nachmittag im milden Licht des ewig weichen Friar's Beach.

Wundern sollte man sich darüber nicht. Schließlich ist St. Kitts eine Verführung zum besseren Leben. Das suggeriert neben mangosüßen Nächten auch die erstaunliche Dichte an Offshore-Banken und Notariats-Büros, die auf ein durchaus freundliches Millionärsklima verweisen. Dinge wie Einkommens- oder Vermögenssteuer sind vor Ort nämlich genauso unnatürlich wie giftiger Schlangenbiss.

Liming macht locker

Trotzdem kommen vor allem Kreuzfahrt-Touristen, um für ein paar Stunden im Schatten hölzerner Arkaden nach geblümten Hemden zu suchen. Schlendern sie am vorgerückten Nachmittag durch Basseterres Gässchen, dann können sie den Einheimischen beim St. Kitter Nationalsport zusehen: dem allerorts eifrig trainiertem Sonnenbaden. "Liming" heißt das vor Ort.

Vielleicht deswegen, weil auch Mamas beste Hühnerflügel erst stundenlang in Lime-Saft baden müssen, um wahre Weltklasse zu erlangen. Das Braten-Rezept funktioniert scheinbar auch bei den Insulanern selbst. Denn "Liming" macht locker, löst die ohnehin nie besonders verspannte Lachmuskulatur und beschert schlenkernde Gliedmaßen, vor allem wenn Musik im Spiel ist - in Basseterre also fast immer.

Was das perfekte Ensemble kolonialer Holzfassaden verspricht, das sich an Basseterres "Circus" wie ein beiger Reifrock um einen strammen, viktorianischen Uhrturm schart, das hält auch der Rest des Mini-Staates: Sanft schaukelnde Laternen und rund polierte Kopfsteinpflaster, elegante Villen und Vorhänge in unverglasten Fenstern zaubern einen Hauch von Takatuka-Land in die schwüle Luft. Pastellgrün, malvenfarben, muschelweiß liegen die leicht windschief gewordenen Villen der ehemaligen Kolonialwarenhändler am schmalen Pflasterstein-Strand der Gassen.

Leben in der alten Zuckermühle

Geschichte, wohin man schaut, auch außerhalb des romantischen Orts. Immerhin wurde auf St. Kitts die erste britische Niederlassung auf Westindien gegründet. Gleichmäßig verteilen sich nun Relikte einer vergangenen Ära über sanfte Hänge, die von den vulkanischen Bergen Richtung Küste abfallen, und, wie im Fall der imposanten Brimstone Hill Fortress, an die Kämpfe mit den Franzosen erinnern - die Unesco führt die Festung seit ein paar Jahren als Weltkulturerbe.

Doch bevor die grüne Kuppe der Burg hinter den Kurven der Küstenstraße auftaucht, führt eine löchrige Straße zur Wingfield Estate, der ältesten Zuckerraffinerie der Antillen. Hier kommt einem die Karibik noch in Form von störrischen Eseln und dem ältesten Baum der Insel, einem 350-jährigen Saman-Methusalem, entgegen.

Die Zeiten, als St. Kitts und Nevis fast im Alleingang Großbritanniens Zuckerbedarf deckten, sind längst vorüber. Thema blieben die über beide Inseln verstreuten "Sugarmills", deren hohe Schlote längst das Rauchen aufgegeben haben, aber bis heute. Sie schlagen als ausgeweidete Architekturkulisse ein neues Kapitel der Nutzung auf und werden sukzessive in Luxusherbergen umgewandelt. Das Resultat: Zucker fürs Auge, und Karies fürs Portemonnaie.

Beispiel Ottley's Plantation Inn, ein filmreifer Herrschaftssitz im Osten von St. Kitts. Wer hier das imposante Entree der Königspalmen-Allee passiert, darf sich fürwahr wie ein kleiner Zuckerbaron fühlen. Uralte Bäume räkeln ihre dicken Äste über pingelig gestutzte Rasenflächen. Altes Zuckermühlen-Gemäuer spiegelt sich im stillen Pool, am Abend knallen die Champagnerkorken zwischen Hibisken und Bougainvilleen. Rassehunde, internationale Köche, dreierlei Arten Kolibris - alles da.

Wer zur Abrundung von so viel Urlaubssüße die im Wind wehenden Zuckerrohrplantagen sehen möchte, besteigt am besten die lokale Schmalspurbahn. Einst zum Transport des Zuckerrohrs errichtet, finden auf den eleganten Rattanstühlen des Nostalgie-Zuges heute Touristen Platz.

Der kleine Bruder

Klar, dass auch der verschlafene kleine Bruder der Föderation, das neben St. Kitts gelegene Nevis mit dem Zuckermühlen-Exil lockt - und zudem mit einem höheren Grad an Authentizität. Die eifersüchtig gehorteten Sondermarken des Neviser Postamtes - neuerdings mit hübschen Unterwasser-Motiven - sind damit freilich nicht gemeint. Eher schon der eigene Akzent und die charmante Fadesse der Insel-Kulinarik.

Betritt man in Nevis' Hauptort Charlestown eine Snack-Bar, so klingt alles wie "Saltfish, man". Saltfish-Küchlein, Saltfish-Knödel, Saltfish-Püree - auch sie verweisen darauf, dass Nevis sich selbst gehört. Auf mehr als drei ernst zu nehmende Straßen ist Charlestown bislang nicht angewachsen, und lokale Zuckermühle-Resorts wie das "Old Manor House" sind in praktisch intakt gebliebenen Betrieben untergebracht.

Andere erinnern hingegen an alte Anekdoten: Unmittelbar hinter dem Ort mit dem märchenhaften Namen Gingerland ragen kalt gewordene Schlote in den Himmel, und Ziegenherden meckern den spärlichen Autos hinterher. Dunkelgrün zieht sich der Regenwald die Hänge herunter. Die alten Geschichten der Zuckerinsel sind in dieser Ecke noch ganz lebendig. Etwa jene von Missis Huggins, die ihren Bräutigam noch am Hochzeitstag verlor - durch ein Duell. Seither gilt das zur Ruine verkommene Eden Brown Estate als verhext und sieht ganz danach aus. Von Bar und Pool keine Spur: Hier haben Mungos und Meerkatzen das Sagen. (Robert Haidinger/Der Standard/RONDO/ 23.2.2007)

  • Bunt ist das Leben in St. Kitts.
    foto: wolfgang weitlaner

    Bunt ist das Leben in St. Kitts.

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