Musikrundschau: Das Ende einer Durststrecke

22. Februar 2007, 17:50
2 Postings

Neue Alben von Yoko Ono, von den Kaiser Chiefs, von Binder & Kriegelstein und von den Dexys Midnight Runners

ONO
Yes, I'm A Witch
(Astral Weeks)

Die heute 74-jährige Yoko Ono gilt zwar noch immer als jene böse "Hexe", die in einer dann gar nicht so geschützten Welt des immerwährenden Pfadfinderlagers einst die guten alten Beatles zerstörte. Weil sie ihrem Ehemann John Lennon offensichtlich "böse Gedanken" einimpfte. Als eine der bedeutendsten und mit ihrem Schaffen noch immer visionärsten Fluxus-Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts wird sie allerdings immer noch sträflich unterschätzt. Dass Yoko Ono seit den späten 60er-Jahren auch ein wesentlicher Einfluss auf die Popmusik zukommt, dokumentiert jetzt dieses fantastische, unter ihrem Segen entstandene Remix-Album. Frei von Vorgaben versuchen heutige junge oder jung gebliebene Leute wie Peaches, Antony, Cat Power, die Flaming Lips, Le Tigre oder Hank Shocklee von Public Enemy der Frau und ihren Liedern jeweils von ihrer musikalischen Position aus beizukommen. Sie sorgen für mitunter erstaunliche Ergebnisse. Das klingt so modern wie "krank", wie im Sinne von Andy Warhols 15 Minuten Berühmtheit eklektizistisch und notwendig. Große Klasse!

KAISER CHIEFS
Yours Truly, Angry Mob
(Universal)
Die britische Band um Sänger Ricky Wilson scheint sich mit diesem zweiten Album zu einer im Britpop heftig ersehnten Mischung aus fröhlich im Pub und andererseits in den zynischen Alltagsbetrachtungen von Ray Davies und seinen Kinks oder, aktueller, Blur zu entwickeln. Ausflüge zu der Popmelancholie von Madness, der Dringlichkeit von Franz Ferdinand oder dem feucht-fröhlichen Dreitageskater von Slade inklusive. Ernst nehmen kann man neue Songs wie die Single Ruby oder Highroyds nicht wirklich. Unter der Regie von Produzent Stephen Street ist aber ein weiteres Mal für nachdenkliches Headbangen beim Biernachbestellen an der Bar gesorgt. Das wahr gewordene Ende einer Durststrecke, akustisch freudig begrüßt.

BINDER & KRIEGLSTEIN
Alles Verloren
(Essay/Indigo)
Unter der Regie des Balkanpop-Kaisers Shantel hat der Grazer Musiker Rainer Binder-Krieglstein ein bewusst kommerzielles Album vorgelegt. Dieses präsentiert mit Gästen wie Gustav im FM4-Hit Piraten oder Rainer Von Vielen im Titelsong nicht nur unkaputtbare östliche Folklore-Samples. Reggae, Ragga und Dub finden ebenso Eingang in diese menschen- und kinderfreundliche Arbeit. Kaum zu glauben, dass der Mann einmal als Schlagzeuger bei heimischen Noisegitarren-Wüterichen wie Fetish 69 oder Sans Secours wirkte.

DEXYS MIDNIGHT RUNNERS
The Projected Passion Revue
(Universal/Import)
Der "keltische" Soul-Rebell Kevin Rowland plante vor seinem kurzfristigen Aufstieg zum britischen Popsuperstar mit Come On Eileen eine Gänsehaut machende Soulrevue, von der jetzt erstmals 1981 live für die BBC eingespielte Dokumente vorliegen. Hier sollte mit messerscharf eingespielter Bigband klassischer US-Soul auf Londoner Verhältnisse übertragen werden. Allein die Version von Aretha Franklins Respect ist die Anschaffung dieser Import-CD wert. Groß! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.2.2007)

  • "The Projected Passion Revue"
    foto: universal

    "The Projected Passion Revue"

Share if you care.