Next Big Belgier

1. März 2007, 16:00
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Antwerpener Mode ist für ihre Radikalität bekannt - Bruno Pieters geht einen anderen Weg - Er entwirft besonders feminine Looks - und hat sich damit trotz seiner Jugend einen Namen gemacht

Paris, im dritten Arrondissement. Die Gassen hier sind so eng, dass jede Menschenansammlung zu einer Verstopfung führt. Doch das scheint die Menschentraube in der Rue Quincampoix nicht zu stören. Sie wartet geduldig, bis Bruno Pieters an diesem späten Jännerabend die Tür zur Galerie öffnet, in der er seine erste Männerkollektion präsentieren wird.

Vier wechselnde Jungs auf vier Hockern. Mehr Platz bietet die kleine Galerie nicht. Pieters präsentiert nur dreizehn Outfits, Dandygewänder, akribisch gearbeitet, voller historischer Referenzen. Auf dem Markt werden sie kaum eine Chance haben. Dafür sind sie schlichtweg zu verspielt. Die Garderobe für Männer schaut derzeit anders aus - zum Glück aber nicht jene für Damen.

Hier sind gerade jene Qualitäten gefragt, mit denen sich der 29-jährige in Antwerpen lebende Belgier schon früh einen Namen gemacht hat. Das Spiel mit der Architektur der Kleider, die Liebe zum Detail, der feminine Look. In den folgenden Tagen werden trotzdem in den wichtigsten Medien lobende Berichte über Pieters Männerdebüt erscheinen - ein Privileg, das Präsentationen dieser Größenordnung normalerweise nicht haben.

Vergleiche mit dem jungen Yves Saint Laurent

Doch Pieters ist einer jener Designer, die in der Modewelt den Stempel "next big thing" tragen. Ein Belgier, der nicht für die Dekonstruktion der Kleider, sondern für ihre filigrane Konstruktion bekannt ist. Das ist eine Seltenheit in der Modeszene dieses Landes. Erst im November hat Pieters einen der begehrtesten Modepreise bekommen, den mit 100.000 Euro dotierten Swiss Textiles Award. Preisträger vor ihm: Raf Simons, Haider Ackermann, Christian Wijnants.

Wir treffen ihn einige Tage nach der Preisverleihung in Wien. Pieters trägt ein Nadelstreifsakko zu engen Jeans, eine schmale, schwarze Krawatte und Sneakers von Adidas. Unterm Lockenkopf und der Hornbrille blitzen einem wache, blaue Augen entgegen. Ein Beau, keine Frage. Nicht von ungefähr wird Pieters des Öfteren mit dem jungen Yves Saint Laurent verglichen. Er selbst will von solchen Vergleichen nichts wissen. "Ich habe doch erst gerade so richtig begonnen."

Das ist eine Untertreibung. Bereits 2001 stellte Pieters im Rahmen der Pariser Haute-Couture-Schauen seine erste Kollektion vor, wobei diese, genau genommen, nur aus einem Kostüm bestand, allerdings in zahlreichen Variationen. "Ich habe zuvor bei Christian Lacroix assistiert. Die Liebe zum traditionellen Handwerk verbindet uns." Insofern war es nur natürlich, mit Couture zu beginnen. Verkaufen konnte er keine einzige seiner Kreationen. "Es ging ums Image", sagt Pieters heute. Nach der ersten Prêt-à-porter-Kollektion im darauffolgenden Jahr sollte sich dann allerdings auch der Verkaufserfolg einstellen.

Stolze Eltern

Mittlerweile hängen Pieters Kleider in weltweit über 40 Geschäften, er designt für den Lederfabrikanten Delvaux und bald für einen Jeanserzeuger in Brüssel, im März wird er seine eigene Accessoirelinie herausbringen. Zudem unterrichtet er seit Jänner an der Antwerpener Modeakademie, die er auch selbst besuchte. "Als ich mich bewarb, kannte ich außer Dries van Noten keinen einzigen belgischen Designer. Ich dachte, Martin Margiela wäre eine Frau." Glücklicherweise ist Pieters jemand, der schnell dazulernt. "Kommt man vom Land in die Stadt, dann muss man seine Augen aufmachen." In einem kleinen Ort in der belgischen Provinz ist er geboren, die Mutter französisch, der Vater flämisch. Sie wollten, erzählt Pieters, dass er "etwas Ordentliches" studiere, als Pieters dann aber statt aufs Gymnasium auf die Kunstschule ging, gaben sie auf. "Heute", erzählt er "sind sie stolz, wenn sie mich in der Zeitung sehen - in der Regionalzeitung wohlgemerkt."

In die Antwerpener Modeakademie passte Pieters nur bedingt: "Man denkt dort sehr viel über Konzepte nach, setzt sich mit dem Modesystem an sich auseinander und versucht oft krampfhaft anders zu sein." Pieters beschäftigt sich lieber mit Schnitten und Stoffen. Jemanden wie ihn nennt man gemeinhin einen Ästheten. Der Ausgangspunkt für sein Männerdebüt war nicht von ungefähr ein Foto des Duke of Windsor und Coco Chanels. "Die Knickerbocker, die der Duke trug, haben es mir angetan", sagt Pieters während der Kollektionspräsentation in der Pariser Galerie.

An reale Menschen denken

Bei den Damen führt er dagegen eine andere Referenz an: Yves Klein, dem das Centre Pompidou gerade mit einer großen Ausstellung huldigte und dem in dieser Saison eine ganze Reihe Designer ihren Tribut zollen. Pieters greift für seine jetzige Frühjahrs/Sommer-Kollektion allerdings nicht nur einfach das berühmte Blau des Künstlers auf (es kommt in seiner Kollektion auch vor), sondern übersetzt Kleins monochrome Arbeiten in die großflächige Struktur der Kleider: Zylinderformen, die er dadurch schafft, dass er hoch gesetzte Taillen mit Korsettgürteln betont. Damit variiert er den in dieser Saison allgegenwärtigen Future-Look, der bei Pieters allerdings wesentlich weniger aggressiv anmutet als bei anderen Designern.

Es sind weniger die Powerfrauen, die ihn interessieren, als die zartbesaiteten Geschöpfe. "Für viele der Kleider, die ich in der Vergangenheit entwarf, musste man 16 und sehr hübsch sein", gibt Pieters unumwunden zu. Das trifft auf seine aktuellen Kollektionen nicht mehr zu. "Die Männerkollektion zwingt mich, an reale Menschen zu denken. Das tut auch meinen Frauenentwürfen gut." (Stephan Hilpold/Der Standard/Rondo/23/02/2007)

Die Frauenmode von Bruno Pieters ist in Österreich bei 2006FEB01, Plankengasse 3, 1010 Wien erhältlich
  • Konzepte sind seine Sache nicht...
    foto: hersteller

    Konzepte sind seine Sache nicht...

  • Am liebsten denkt der junge belgische Designer Bruno Pieters über Schnitte und Stoffe nach...
    foto: hersteller

    Am liebsten denkt der junge belgische Designer Bruno Pieters über Schnitte und Stoffe nach...

  • Beispiele aus der  kommenden Herren-Winterkollektion...
    foto: hersteller

    Beispiele aus der kommenden Herren-Winterkollektion...

  • ... und aus der Damen-Frühlingskollektion.
    foto: hersteller

    ... und aus der Damen-Frühlingskollektion.

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