Elementares Bindeglied: "Über Wasser"

21. Februar 2007, 19:09
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Udo Maurers Doku, eine globale, aber nicht unbedingt globalisierungskritische Perspektive

Wien - Im heimischen Dokumentarfilm der vergangenen Jahre bilden jene Arbeiten, die sich weit über die Landesgrenzen hinaus mit elementaren Themen (Nahrung, Arbeit) beschäftigen, schon ein eigenes Subgenre. Nach "Darwin's Nightmare", "Unser täglich Brot", "We Feed the World" oder "Workingman's Death" ist "Über Wasser. Menschen und gelbe Kanister" von Udo Maurer nun eine weitere entsprechende Produktion mit globaler (aber nicht unbedingt globalisierungskritischer) Perspektive.

Der Film versammelt lokale Bestandsaufnahmen. In drei großen Abschnitten kann man beobachten, wie das Wasser das Leben der Menschen anderswo entscheidend mitbestimmt - aufgrund seines (buchstäblichen) Überflusses, seines Rückzugs oder weil es als Ware entsprechender Regulierung unterliegt:

In einem Dorf in Bangladesh wird man so zunächst Zeuge, wie der Fluss - früher eine Stunde weit entfernt - einen Lebensraum "schluckt": Riesige Erdblöcke brechen ab. Landbesitz verschwindet in den Fluten - die Grundsteuer ist trotzdem zu bezahlen. Häuser, deren Bauart und materielle Beschaffenheit schon eine Notwendigkeit zur Mobilität einkalkuliert, müssen fortwährend versetzt werden. Auch soziale Gefüge sind so jener Erosion unterworfen, die im Untergrund wirksam ist.

In Kasachstan dagegen stehen Schiffe aufgebockt dort, wo sie Fischern früher ihr Einkommen sicherten. Wo sich damals der Aralsee ausbreitete, ist heute verstepptes Brachland. Das Wasser ist hier vor allem in Erinnerungen allgegenwärtig: Nicht nur die älteren Bewohner der Stadt Aralsk zehren davon, selbst die jüngsten leben mit der Hoffnung, dass das Wasser doch noch zurückkehren wird.

Mit Wasser als Wirtschaftsgut wird man im abschließenden dritten Teil des Films konfrontiert. Dort sind dann auch die gelben Kanister zu sehen, mit denen die mehr als eine Million Bewohner von Kibera, einem ausufernden Slumgebiet in Nairobi (Kenia), ihre Wasserversorgung organisieren müssen. Die örtliche Wasserbehörde vergibt gegen Gebühr Lizenzen an die Betreiber von Wasserstellen.

Dort - und bei den illegalen Händlern - stehen hauptsächlich Frauen Schlange, um den täglichen Bedarf für ihre Familien zu decken. Ein 20-Liter-Kanister reicht gerade fürs Kochen - für weitere Kanister zur Körperpflege, zum Wäschewaschen oder für den Hausputz sind erneut Wegzeiten, die körperliche Belastung des Transports und Kosten in Kauf zu nehmen.

Knappe Einblicke

Der Film rahmt diese Episoden mit Schriftinserts, die Zahlen und Hinweise liefern. Dazwischen nähert er sich in ruhigen Aufnahmen und gelassener Montage der jeweiligen Problematik in Form von Beobachtungen vor Ort und Statements der Betroffenen an. Dies bleibt notwendigerweise fragmentarisch. Aber auch der Film selbst setzt diese Erfahrungen nur vorsichtig in einen größeren Kontext:

Inwieweit staatliche Instanzen oder wirtschaftliche Interessen hier im Hintergrund wirken oder profitieren - das wird nicht weiter vertieft, Themen wie etwa die Privatisierung der Wasserversorgung (auch in unseren Breitengraden) nicht angesprochen. Das wäre aber ein notwendiger nächster Schritt. So kann sich der Betrachter mit Fließwasser auf Distanz und sicher wähnen. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.2.2007)

  • Schlangestehen für den täglichen Wasserbedarf in Kibera: "Über Wasser" von Udo Maurer.
    foto: poool film verleih/ lotus film

    Schlangestehen für den täglichen Wasserbedarf in Kibera: "Über Wasser" von Udo Maurer.

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