"Wie wenn der Teufel die Bibel liest"

2. März 2007, 12:50
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Letzte Verhandlungsrunde in Wien hat begonnen - Die Fronten sind klar - Kosovo-Verhandler Martti Ahtisaari fühlt sich absichtlich missverstanden

Wien - Martti Ahtisaari ist sauer, weil wieder eine von diesen Fragen kommt. Eine serbische Journalistin hat ihn aufgefordert, Änderungen zu nennen, die er an seinem Plan machen werde, nachdem sogar Amnesty International gemeint hatte, dass die Serben im Kosovo in Zukunft weniger geschützt sein werden als bisher. Da habe man seinen Vorschlag nicht gelesen. "Oder nicht verstanden", wird Ahtisaari lauter. Wenn jemand so etwas behaupte, dann reagiere er so, wie "wenn der Teufel die Bibel liest."

Die Fronten im Austria Center in Wien verlaufen ziemlich klar: Da ist einerseits der Chefverhandler, der bis 10. März seinen Vorschlag finalisieren will und ein wenig Spielraum für Änderungen in technischen Fragen - dazu gehört etwa die Anzahl der von den Serben selbst verwalteten Gemeinden - offen gelassen hat. In der Frage des völkerrechtlichen Status der bislang serbischen Provinz gibt es diesen Spielraum aber nicht.

Keine Bewegung

"Was den Status betrifft, gibt es nichts, was darauf hinweist, dass sich die Parteien bewegen", sagt der Finne, der seit einem Jahr die Verhandlungen in Wien führt. Genau genommen war aber ohnehin von Anfang an klar, dass weder die Kosovo-Albaner noch die Serben den Status entscheiden werden, weil dazu nur der UN-Sicherheitsrat befugt ist. Ahtisaari versucht am Mittwoch Bedenken zu zerstreuen, Russland könne als Vetomacht dort seinen Plan zurückweisen. "Ich möchte ja nicht der Sprecher von Putin sein", sagt er. Aber er glaube nicht, dass dessen Rede in München so kategorisch gemeint war. "Lasst uns geduldig sein." Warten, meint er, bis der Vorschlag in den Sicherheitsrat kommt.

Die albanische Delegation fühlt sich in ihren Unabhängigkeitsbestrebungen weitgehend von Ahtisaari unterstützt. Die Mitglieder der serbischen Delegation stehen hingegen mit mürrischer Miene in den Gängen des Konferenzzentrums herum. Seit Monaten schon nehmen sie den UN-Verhandler unter Beschuss.

19. Jahrhundert

Der Historiker Dusan Batakovic meint etwa, was die serbische Nation betreffe, sei das Ahtisaari-Dokument sehr "enttäuschend". Denn es ziele nur auf die Unabhängigkeit der Provinz ab. Und das sei ein Konzept des 19. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu dem, was Serbien vorschlage, nämlich eine moderne, europäische, regionale Vorgehensweise. Der Plan von Ahtisaari gebe den Serben im Kosovo weniger Schutz als während der Unmik-Zeit.

Die Belgrader Delegierten machen insgesamt nicht den Eindruck, als würden sie in den nächsten Tagen die Bereitschaft entwickeln, etwas abzunicken. Obwohl Ahtisaari meint, dass es noch einige Tage zum Verhandeln gebe. "Nächstes Jahr", verhaspelt er sich. Lachen im Saal. "Nächste Woche", korrigiert er lächelnd. Nicht nur ihm scheint es langsam genug zu sein. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, Printausgabe 22.2.2007)

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    "Was den Status betrifft, gibt es nichts, was darauf hinweist, dass sich die Parteien bewegen", sagt Martti Ahtisaari.

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