Lettland: "Uns in der Provinz haben sie vergessen"

12. März 2007, 09:26
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Viele junge Letten wandern nach Irland aus

Riga - Ein riesiges verfallenes Kombinat begrüßt Besucher vor den Stadttoren zwischen dem verwahrlosten Busbahnhof und einem Supermarkt am neuen Kreisel. Eingefallene Hallen und Kamine zeugen davon, dass die kurländische Stadt Kuldiga, 150 Kilometer westlich von Riga, schon bessere Zeiten erlebt hat.

2500 von damals 14.500 Einwohnern hätten vor dem Zerfall der Sowjetunion in der Zündholzfabrik "Vulkans" gearbeitet, berichten Einheimische. Doch dann brannte das Werk Mitte der 90er-Jahre ab. Seitdem hat die Stadt mehr als 2000 Einwohner verloren. In Cork an Irlands Küste kann man heute viele junge Letten aus Kuldiga finden, andere arbeiten in Großbritannien.

Der Stadtkern Kuldigas ist aus den Ruinen der Kreuzritterburg errichtet. Die Stadtverwaltung träumt davon, ihn auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes zu bringen. Die Segnungen des Tourismus sollen es wieder richten.

"In Riga brüstet sich die Regierung eines zweistelligen Wirtschaftswachstums, uns in der Provinz aber haben sie vergessen", klagt ein junger Wirtschaftswissenschafter, der Glück hatte und eine Anstellung in seiner Heimatstadt fand. Tatsächlich hat Lettland eine Transformation geschafft, die EU-weit ihresgleichen sucht. Das Bruttosozialprodukt stieg zwischen 2000 und 2006 um 65 Prozent. 2006 war ein Wirtschaftswachstum von 10,2 Prozent zu verzeichnen. Einen großen Anteil daran haben Strukturhilfegelder der EU. Da das Land aber in Stadtgebiete und Gemeinden aufgeteilt sei, werde der reiche Speckgürtel um Riga bevorzugt, schimpft eine einheimische Architektin.

Sie vermisst den einstigen multikulturellen Charakter ihrer Stadt. Spricht in Riga auf der Straße jeder Zweite Russisch, so hört man in Kuldiga fast nur Lettisch. Die Russen machen fünf Prozent der Einwohner aus. Vor dem Zweiten Weltkrieg hätten hier fast gleich viele Letten, Deutsche und Juden gewohnt, schwärmt die Frau. Heute ist die mächtige rote Backsteinsynagoge zugenagelt und versprayt. "Die alten Kombinate sind verfallen", sagt die Verkäuferin im nahen Buchladen, "mit Jobs ist es hier deshalb schwierig." Die Arbeitslosigkeit liege mit rund zehn Prozent über dem Landesdurchschnitt, der heuer von 6,5 auf 6 Prozent sinken soll. Junge wanderten aus, und für die Alten werde das Leben immer teurer.

Geringer Eintritt

Die Kulturinitiative Nekac versucht dem gegenzuarbeiten. Eine Handvoll junger Leute hat in Fronarbeit ein Kulturzentrum aufgebaut. Das "Zabadaks" ist heute im ganzen Baltikum für seine Konzerte, Filmfestivals und Seminare bekannt. "Wir suchten seit 1990 einen Ort, aber erst ein Wechsel in der Stadtregierung brachte Erfolg", sagt Ulis, der nicht ans Auswandern denkt. Umgerechnet drei Euro kostet das Konzert der alternativen Hitparadenstürmer Hospitalu Iela – ein Eintrittsgeld, das sich auch Kuldigas Teenager leisten können. "Wir haben lieber wenig Geld, gehen langsam vorwärts, bestimmen aber dafür selbst", sagt der 24-jährige Übersetzer Edgars. (Paul Flückiger, Riga, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.2.2007)

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