Kündigung nach Diagnose einer Krankheit

20. Juli 2000, 21:45

USA: Erster Prozess wegen genetischer Diskriminierung

Es ist der Fall, vor dem KritikerInnen der Gentechnik warnen: Erst kommt die Diagnose, dann der Job-Verlust. Für die US-Amerikanerin Terri Seargent wurde dieser Albtraum wahr. Ihr Prozess gilt nun als Präzedenzfall.

Terri Seargent ist seit Dezember arbeitslos. Und obwohl ihr Mann Harry als Architekt ganz gut verdient, reicht sein Gehalt nicht aus, um die Familie durchzubringen. Denn jeden Monat müssen für Terri ÄrztInnenrechnungen in Höhe von rund 56.000 Schilling (4070 Euro) bezahlt werden. Die 43-Jährige leidet an einer Erbkrankheit, ohne Therapie würden die Symptome der Krankheit sie binnen weniger Jahre umbringen. Aber mit ihrem Job verlor Terri auch ihre Krankenversicherung, nun müssen die Seargents Terris Überleben selbst bezahlen. Genau genommen ist Terri Seargent arbeitslos, weil sie krank ist.

Normale Lebenserwartung bei Therapie

Die Diagnose wurde im April 1999 gestellt: Alpha-eins-Antitrypsin-Mangel, ein schweres, mitunter tödliches angeborenes Lungenleiden. Bei einer lebenslangen, dauerhaften Therapie können die Symptome neutralisiert werden, die Lebenserwartung bleibt normal.

Terri wartete vier Monate auf einen Therapieplatz und arbeitete erfolgreich in ihrem Job als Versicherungsmaklerin weiter. Bis zu jenem Tag kurz vor Weihnachten, als sie der Geschäftsführer von "Hanover Excess & Surplus Inc." kündigte, weil sie "nicht mehr ins Team passe". Es dauerte etwas, bis Terri die Hintergründe verstand. Hanover Excess & Surplus arbeitet nach einem Selbstversicherungssystem. Die Firma zahlt regelmäßig in einen Pool ein, aus dem die Krankheitskosten der MitarbeiterInnen bestritten werden. Terri ist überzeugt: Ihre Behandlungskosten, prognostizierbar durch den Gentest, dessen Inhalt die Firma einsehen konnte, hätten die Kasse gesprengt.

So sei sie zu einem Fall von "genetischer Diskriminierung" geworden; jenem Gespenst von Missbrauch, vor dem KritikerInnen der Gentechnik so dringend warnen: ArbeitgeberInnen selektieren ihre Angestellten, Krankenversicherungen ihre KundInnen aufgrund von Informationen über deren Erbgut. Wer genetisch mit Krankheitsrisiken belastet ist, wird abgelehnt oder aussortiert.

Keine klaren Gesetze

Der Kampf gegen die Ausbreitung dieser Praxis ist schwierig, es gibt in den USA noch keine klare gesetzliche Regulierung der Gentest-Nutzung. Die Clinton-Regierung will für ArbeitgeberInnen und VersichererInnen den Zugang zu genetischen Informationen dramatisch einschränken. Bis jetzt haben dies mächtige Lobby-Gruppen verhindert. Und viele Betroffene trauen sich nicht, bestehende gesetzliche Garantien in Anspruch zu nehmen.

Die Empörung über das Unrecht brachten Terri schließlich dazu, ihren Arbeitgeber zu verklagen. "Sie nennen meinen Fall den nationalen Präzedenzfall", sagt sie mit einem Anflug von trotzigem Stolz. Zum ersten Mal wird die Problematik der genetischen Diskriminierung in den USA nun vor Gericht verhandelt.

Bei Hanover Excess & Surplus Inc. erhält man auf Nachfragen die Antwort, Terri sei wegen mangelnder Managementfähigkeiten gekündigt worden. Angesichts der Rechtslage fühlen sich die Verantwortlichen offenbar sehr sicher. Terri aber braucht schnell eine Entscheidung: "So etwa am 1. September", sagt sie, "werden wir bankrott sein." STANDARD-Mitarbeiter Ralph Obermauer aus New York

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