"Studienanfängerzahlen werden sich in einzelnen Jahren massiv erhöhen"

15. Oktober 2007, 12:48
30 Postings

Bildungsforscher Klaus Klemm im Interview mit derStandard.at über soziale Selektivität, doppelte Abiturienten­jahrgänge in Deutschland und die Folgen für Österreich

Ab 2007 werden bis zum Jahr 2014 in vielen deutschen Bundesländern doppelte Abiturientenjahrgänge aus den Gymnasien entlassen. Dies ergibt sich durch die Umstellung vom neunjährigen Gymnasium auf das achtjährige Gymnasium, auch "G8-Abitur" genannt. Die Kulturministerkonferenz erwartet bis 2014 einen Anstieg der Studierendenzahl von derzeit etwa 2 Millionen auf etwa 2,5 Millionen. Dass deutsche StudentInnen dann verstärkt auch auf Österreich ausweichen könnten, meinte der deutschen Bildungsexperte Klaus Klemm im Gespräch mit Katrin Burgstaller

****

derStandard.at: Hat sich der Druck auf die zukünftigen StudentInnen durch das G8-Abitur erhöht? Und wie schätzen Sie die Mobilitätschancen deutscher Arbeiterkinder ein?

Klemm: Ob sich der Druck erhöht, können wir zum heutigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Es gibt jedoch gute Gründe zur Annahme, dass die Verdichtung der Lernprozesse die soziale Selektivität dieses Systems eher erhöhen als abschwächen wird. Von 100 Arbeiterkindern beginnen heute schon nur sechs ein Hochschulstudium, von 100 Beamtenkindern sind es mehr als 50.

derStandard.at In vielen deutschen Medien ist vom "Studentenberg" durch das G8-Abitur die Rede. In Sachsen-Anhalt wird es ja bereits 2007 die ersten doppelten Jahrgänge geben. Wird die Zahl der Studienberechtigten bereits 2007 stark steigen?

Klemm: Konkrete Berechnungen zeigen, dass der Gesamteffekt dieser Schulzeitverkürzung dazu führen wird, dass sich die Studienanfängerzahlen in einzelnen Jahren massiv erhöhen werden. Beispielsweise wird in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2013 der 13-jährige Jahrgang, ohne verkürzte Schulzeit, das sind etwa 58.000, zugleich mit 45.000 G8-Leuten das Abitur machen. Anstelle von 58.000 Abiturienten werden 103.000 erwartet.

derStandard.at: Der erste massive Anstieg wird also 2007 und 2008 noch ausbleiben?

Klemm: Ja, denn Sachsen-Anhalt ist ein relativ kleines Land, anstelle von zirka 8.000 werden vielleicht 16.000 das Abitur machen. Das ist für Sachsen-Anhalt zwar viel, aber für die Republik insgesamt ist das kein Problem. 2010, 2011 geht’s in Deutschland richtig los. Dann werden sich in einigen der größeren Bundesländer die Studienanfängerzahlen verdoppeln, auf diesen heftigen Anstieg sind die deutschen Hochschulen ganz und gar nicht eingestellt, schon jetzt sind sie überfüllt.

derStandard.at: Welche weiteren Probleme ergeben sich daraus?

Klemm: Wir befürchten zwei Dinge: zum einen, dass die Leute, die dann auf die Universitäten drängen, die Zeit, die sie in der Schule gewonnen haben, in Warteschleifen wieder verlieren, zum anderen befürchten wir, dass wegen der Überfüllung ein Großteil der Studienberechtigten gar nicht erst ein Studium aufnehmen wird, sondern verstärkt in die berufliche Ausbildung außerhalb der Universitäten strömen wird. Das hat zur Folge, dass die weniger Qualifizierten, vor allem die Absolventen der Hauptschulen, verdrängt werden. Wir haben einen Ausbildungmarkt, der ohnedies knapp ist. Wir können jetzt schon nicht jedem Jugendlichen, der die Schule verlässt, einen Ausbildungsplatz zur Verfügung stellen. Wenn dann noch zusätzlich die Abiturienten ausweichen und in die duale Ausbildung (Anm.: Lehre im Betrieb und in der Berufsschule) gehen, ist zu befürchten, dass die Schwächeren noch mehr an den Rand geschoben werden.

derStandard.at: Glauben Sie, dass viele deutsche StudentInnen auch nach Österreich ausweichen werden?

Klemm: Vor allem in den Studiengängen, die einem Numerus Clausus unterliegen, zum Beispiel in der Medizin, werden sich sicher jene StudienwerberInnen, die es sich leisten können, verstärkt umschauen, wo man sonst in der Europäischen Union eine Ausbildung bekommen kann. Und da Österreich den Vorteil bietet, ein deutschsprachiges Land zu sein, kann ich mir das sehr gut vorstellen.

derStandard.at: Werden die Zugangbeschränkungen an den deutschen Unis weiter verschärft?

Klemm: Ich nehme nicht an, dass die Zugangsbeschränkung verschärft werden, die Kulturminister haben ja angekündigt, die Studienplätze gemäßigt auszubauen. Aber der Effekt des Numerus Clausus wird sich durch die höhere Zahl der Studienwerber verstärken. Für einige Jahre werden mehr StudentInnen als jetzt schon nicht das Studium ihrer Wahl aufnehmen können – zumindest nicht ohne erhebliche Wartezeiten.

derStandard.at: Die Ausbildung von Humanmedizinern wird sehr oft diskutiert. Werden denn in Deutschland zu wenig Humanmediziner ausgebildet?

Klemm: Wir haben im Augenblick einen Mangel an Humanmedizinern, die sich als Ärzte niederlassen wollen. Wir beobachten, dass ein erheblicher Anteil derer, die Medizin studieren, am Ende gar nicht in der medizinischen Versorgung tätig wird. Wenn alle, die das Studium erfolgreich abschließen, in die medizinische Versorgung gingen, hätten wir wahrscheinlich keinen Ärztemangel. So aber fehlen uns vor allem im ländlichen Raum und in den neuen Bundesländern Ärzte.

derStandard.at: Laut OECD werden nur in der Türkei und in Österreich weniger Akademiker ausgebildet als in Deutschland. Woran liegt das?

Klemm: Das wird immer sehr pauschal diskutiert. Es ist auffallend, dass die drei deutschsprachigen Länder, die das duale Ausbildungssystem anbieten, nämlich die Schweiz, Österreich und Deutschland, relativ niedrige Akademikerquoten haben. Das hängt auch damit zusammen, dass Ausbildungen im dualen System angeboten werden, die in anderen Ländern auf akademischer Ebene abgehalten werden. Ob jedoch der Elektroniktechniker, der in Deutschland im dualen System ausgebildet wird, weniger qualifiziert ist als jemand, der die Ausbildung in Frankreich im Rahmen eines Bachelor-Studienganges gemacht hat, darüber kenne ich keine Studien.

(Katrin Burgstaller/derStandard.at, 27.Februar 2007)

Hintergrund
"Studentenberg" in Deutschland

Zur Person: Klaus Klemm, Jahrgang 1942, ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Duisburg- Essen. Klemm ist unter anderem Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Kultusministerkonferenz zur Bildungsberichterstattung in Deutschland.

  • Bildungsforscher Klaus Klemm befürchtet zusätzlichen Mangel an Studienplätzen in Deutschland.
    foto: privat

    Bildungsforscher Klaus Klemm befürchtet zusätzlichen Mangel an Studienplätzen in Deutschland.

Share if you care.