Kdolsky warnt vor "Zurücklehnen"

12. Juli 2007, 16:25
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Rückgang bei Todesfällen - Vor allem Erfolg der Therapie - Ministerin: "Der einzige Schutz bleibt das Kondom"

Wien - An sich eine Erfolgsstory: Im Jahr 2006 erkrankten in Österreich "nur" noch 48 Menschen an Aids. Es gab zehn Todesopfer. "1993 hatten wir noch 236 Neuerkrankungen und 176 Opfer", sagte jetzt Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky (ÖVP) aus Anlass der vorliegenden Aids-Statistik zum Jahr 2006. Doch gleichzeitig gibt es eine Warnung. Die Ressortchefin: "Wir haben Anzeichen dafür, dass die Verwendung von Kondomen rückläufig ist. (...) Der einzige Schutz bleibt aber das Kondom."

Anderes Gesicht

Die moderne antiretrovirale Therapie - zumeist zwei oder drei Medikamente, welche zwei Aids-Virus-Enzyme hemmen (Polymerase und Protease, Anm.), hat in den westlichen Industriestaaten mit einer funktionierenden sozialen Krankenversicherung das Gesicht von Aids gewandelt. Der Ausbruch des Vollbildes der Erkrankung lässt sich verhindern. Die Todesraten sind in diesen Staaten drastisch zurückgegangen. Doch gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Menschen glauben, die Immunschwächekrankheit sei keine Gefahr mehr. Bis Ende 2006 gab es in Österreich 2.522 Aids-Erkrankungen bei 1.439 Todesfällen.

Behandlung ist aber keine Heilung

Andrea Kdolsky: "Die Behandlung - und ich bin stolz darauf, dass wir in Österreich dazu einen freien Zugang haben - ist keine Heilung. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen. Wir müssen weiter dran bleiben. Alle schreien derzeit auf wegen HPV (sexuell übertragbare Infektion mit Human Papilloma Viren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können, Anm.). Aber wenn wir bei HPV einen so enormen Anstieg sehen, heißt das auch, dass mehr ungeschützter Geschlechtsverkehr betrieben wird. Wir müssen daher wieder in die Schulen gehen. Ich glaube, dass die Aufklärungsrate heute schlechter ist als vor 20 Jahren. Ich mache mir Sorgen."

Sorgloser Umgang

Bereits in der Vergangenheit gab es Hinweise darauf, dass sexuelle Kontakte wieder sorgloser eingegangen werden. Dafür spricht in Österreich auch ein seit einigen Jahren registrierter Zuwachs an Syphilis. Seit 1993, dem Jahr mit der niedrigsten Zahl an gemeldeten Syphilis-Fällen (124), stieg die Häufigkeit bis zum Jahr 2002 beispielsweise auf das Dreifache. Die Ministerin: "Es geht um alle sexuell übertragbaren Erkrankungen." Dazu gehört auch Aids. Der größte Teil der Infektionen ließe sich aber per Kondom verhindern. Andrea Kdolsky: "Ich werde mich mit Bildungsministerin (Claudia) Schmied zusammensetzen. Wir werden die Informationsaktivitäten zum Beispiel über die Schulärzte verstärken. Auch mit dem 'Fonds Gesundes Österreich' werden wir überlegen, was wir da tun können."

Situation in Österreich

Mit Ende 2006 lebten 1.083 Menschen in Österreich mit dem Vollbild der Aids-Erkrankung. Insgesamt 659.261 Menschen wurden vergangenes Jahr außerhalb des Blutspendewesens auf HIV getestet. Dabei gab es 1.438 HIV-positive Befunde. Die Ministerin: "Wir hatten 435 bestätigte Neuinfektionen mit HIV. Diese Zahl ist in den vergangenen Jahren in etwa gleich geblieben." 41 Prozent der Neuinfektionen entfielen auf heterosexuelle Kontakte, 30 Prozent auf homosexuelle und 20 Prozent auf Drogensüchtige. Zu neun Prozent gab es keine Angaben.

Aufklären und Entmythisieren

Auch Frank Amort, Leiter der Präventionsabteilung der Aids-Hilfe Wien, ruft dazu auf, bei der Information der Bevölkerung aktiv zu bleiben: "Ich sehe, dass die Arbeit hier schwieriger geworden ist. In den achtziger Jahren ist natürlich auch die Angst unterwegs gewesen. Dann ist es vielleicht zu einer überoptimistischen Sichtweise gekommen. Wir haben in Österreich einen sehr hohen Wissensstand zu Aids. Trotzdem gibt es noch Mythen, die sich halten. Zum Beispiel, dass man durch die Benutzung eines gemeinsamen Glases mit einem HIV-Positiven infiziert werden könnte. Und aus diesen Mythen kann dann Diskriminierung entstehen."

Auch wenn die HIV-Infektion behandelbar geworden sei, gäbe es weiterhin das Stigma: "Können die Leute arbeiten? Werden sie integriert? Wir haben auch das Thema 'Sterben' durch Aids verdrängt." Und schließlich müsse man auch beachten, dass jede verhinderte Ansteckung mit den Aids-Erregern hohe Kosten spare. Amort: "Die Behandlung kostet pro Monat um die 1.000 Euro." (APA)

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    Aids hat in den Industrieländern teilweise seinen Schrecken verloren

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